… sind ja nur Arbeiter

Die Angebotsökonomie der Neoliberalen wurde schon früher häufig dafür kritisiert, dass sie den Menschen nur noch als Konsumenten und Aktienbesitzer wahrnimmt, nicht aber mehr als Protagonist auf dem Arbeitsmarkt. Der systemisch völlig normale Wahnsinn, das Gemeinwesen mit Sparauflagen abzuwürgen, wurde von den Ökonomen dieser Heilslehre als Win-Win-Situation skizziert. Man stellte dem Konsumenten in Aussicht, davon zu profitieren. Und auch die Shareholder, die wir alle ja mittlerweile direkt oder indirekt seien, müssten nicht auf Dividenden verzichten. Der Mensch kommt in diesem Weltbild immer bloß als homo oeconomicus vor. Als homo laboris ist er ausgeblendet. Dass es sich um Subjekte mit Bürgerrechten handelt, wird übrigens auch gerne mal vergessen. Das war und ist eines der gravierendsten Probleme dieser Ökonomie: Sie erfasst nicht die Gesamtheit des wirtschaftlichen Geschehens und reduziert die Teilnehmer auf eine zentrale Rolle. Aber jeder von uns spielt in der Wirtschaft verschiedene Rollen. Wir sind Angestellte, Konsumenten und Bürger zugleich. Das Prinzip ist also fließend und dynamisch. Trotzdem hält sich die statische Weltanschauung hartnäckig.

Nehmen wir nur mal einen Text von letzter Woche, »Spiegel Online« thematisierte den Personalmangel in deutschen Unternehmen. In vielen Firmen würden Stellen abgebaut und nicht mehr ersetzt, weil man glaube, »knappes Personal als Erfolgsfaktor« anführen zu können. (Lassen wir mal die Lügerei beiseite, die in dem Text steckt und besagt, Personalmangel sei lediglich die Folge von Fachkräftemangel.) Grundsätzlich ist das ein gutes Thema, denn Personalmangel schafft immer nur eine Lost-Lost-Situation. Das hat auch das Nachrichtenmagazin so beschrieben: Diese Strategie würde zu Gefahr für Unternehmen – »und zur Last für die Kunden«. Der Arbeiter und Angestellte wurde nicht erwähnt, dass auch er – ja dass gerade er! – ganz besonders unter den Folgen gezielten Personalabbaus leidet, das ist für diejenigen, die der gängigen Wirtschaftslehre nahe stehen, die vielleicht gar keine andere Lehre kennen, nur Randnotiz oder weniger.

Natürlich ärgert es Kunden, wenn sie länger warten müssen, wenn ihr Auftrag länger in der Pipeline steckt. Klar bedeutet das auch, dass Unternehmen damit Gefahr laufen, wegen unzufriedener Kunden weniger Aufträge zu erhalten. Aber keiner trägt die Belastung durch fehlendes Personal so schwer, wie der Beschäftigte, der jetzt auffangen muss, was er vorher mit einem Kollegen an seiner Seite verrichtet hat. Er bezahlt den Personalabbau mit Raubbau an seiner Physis und seiner Psyche. Die Mehrzahl der Beschäftigten in Personalmangelbetrieben arbeiten täglich auf Anschlag, müssen 150 Prozent geben und brennen so nach und nach aus. Zeigt der Körper an, jetzt eine Ruhephase zu benötigen, geht man darüber hinweg. Es gibt keine Zeit zum Relaxen, keine Zeit krank zu sein. Man darf schlicht nicht krank werden, weil sonst die Kollegen es ausbaden müssen. So macht man weiter, geht zur Arbeit und – sofern man Kundenkontakt hat – erntet den Zorn von Kunden, denen man immer noch nicht schnell genug arbeitet. Der Personalmangel, so behaupten viele, sei schließlich nicht ihr Problem. Wer schon mal in einem Betrieb mit Personalmangel gearbeitet hat, der kennt die beständige Anspannung, die über Stunden nicht von einem abfällt und dann noch in den Feierabend hineinwirkt, bis sie mit etwas Glück in den Abendstunden etwas abflaut.

Diese Aussage der Kunden, es ginge sie nichts an, stimmt so allerdings nicht. Sie ist viel mehr das Resultat einer Wirtschaftslehre, die man der Bevölkerung über Jahre als Heilsversprechen bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit einflüsterte. In einer Volkswirtschaft ist eben nicht jeder auf sich alleine gestellt, wie die Neoliberalen das gerne als Theorem formulierten. Nicht jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Man schmiedet eben immer nur so, wie es die Grundvoraussetzungen erlauben. Insofern ist es eben schon das Problem der Kundschaft, dass Personalmangel in einem Unternehmen dazu führt, dass die verbliebenen Mitarbeiter dieses Unternehmens gesundheitliche Abstriche machen müssen. Die medizinischen Folgekosten bezahlt schließlich auch der Kunde, während die Unternehmen sich aus dem paritätischen System des Gesundheitswesens zurückziehen.

Man kann Strategien zum gezielt eingesetzten Personalmangel auf verschiedene Weise behandeln. Natürlich sollte man sie auch moralisch thematisieren und den Anspruch des Angestellten auf Unversehrtheit begründen. Das reicht im ökonomisierten Zeitalter natürlich nicht aus. Man muss es daher auch ökonomisch beleuchten. Und macht man sich so an die Sache heran, müsste man hervorheben, dass solche innerbetrieblichen Menschenversuche auch volkswirtschaftlich zu Buche schlagen, wenn sie nämlich das Gesundheitssystem unnötig belasten. Dass also nicht nur Kunden die Verlierer sind und Unternehmen sich gefährden, sondern auch die Mitarbeiter teuer wegen so eines Kurses bezahlen.

Progressive Wirtschaftsjournalisten könnten da eventuell von einem erhöhten Steuersatz für Unternehmen nachdenken, die so eine Praxis dennoch betreiben. Sie könnten fordern, dass Unternehmen im Zustand des personellen Mangels am Ende mehr entrichten müssten, als solche, denen es an Personal nicht mangelt. Diese Steuer wäre nicht mal Populismus, man könnte sie volkswirtschaftlich mit den Mehrkosten begründen, die entstehen, aber sozialisiert werden, obgleich sie durch privatwirtschaftliches Kalkül verursacht wurden. Diesen Faktor überbelasteter Arbeitnehmer aber einfach nur unter den Tisch zu kehren, das ist allerdings kein Wirtschaftsjournalismus – das ist lediglich publizistische Schützenhilfe für eine Angebotsökonomie ohne Bezug zur Betriebsrealität.

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