Regime Change: Die Toten von Texas

4126186099_01eb73007d_zSyrien marschiert in Texas ein, forciert gezielt Unruhen, liefert Waffen und unterstützt den Ku-Klux-Klan? Und die westliche Gemeinschaft fördert das Vorhaben? Eine ziemlich absurde Vorstellung, ohne Frage.

Dennoch schreibe ich dieses fiktive Szenario hier auf (gleich nach dieser Einleitung, die ich den Lesern nicht ersparen kann, weil sie nötig ist). Selbstredend entwerfe ich das Szenario nicht, um eine Gefahr für Texas herbeizuschreiben oder Syrien imperiale Motivation zu unterstellen (das wäre ja schon logistisch unsinnig).

Es geht um etwas anderes. Denn was im Folgenden skizziert wird, hat durch die USA (nicht nur) in Syrien stattgefunden: Die Destabilisierung eines Landes, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Ich habe bewusst den Bundesstaat Texas gewählt, weil dieser konservativ ist und nach wie vor an der Todesstrafe festhält. Insbesondere die Praxis, Menschen zum Tode zu verurteilen, stößt weltweit auf Kritik, wenn auch dabei selten Texas genannt wird. Dennoch nehme ich weder Bezug auf die aktuelle Situation in Texas, noch sind die unten beschriebenen Entwicklungen einer realen Lage in Texas geschuldet. Es ist, um das zu betonen, eine Fiktion.

Nun wird kaum jemand auf die Idee kommen, in Texas sei ein Regime Change nötig, weil eine konservative politische Führung an der Todesstrafe festhält. Doch andererseits: warum eigentlich nicht? Immerhin haben die USA Syrien angegriffen, weil ihnen die politische Führung des Landes nicht passte, so zumindest die offizielle Lesart. Die Tatsache, dass es im Hintergrund um Öl und Imperialismus geht, ist einerseits offenkundig, wird aber andererseits kaum medial, geschweige denn politisch transportiert.

Und so war es der angebliche „Machthaber“ und „Diktator“ Baschar al-Assad, dessen „Regime“ für den Umsturz von außen herhalten musste. Nur wenige werden behaupten, dass in Syrien das Paradies herrschte, bevor die USA das Land zermürbten und zerstörten (wo gibt es dieses Paradies denn?). Doch das ist kein Grund für einen gezielten Angriffskrieg. Einen solchen Angriffskrieg, nicht gestützt durch ein UN-Mandat, hat die US-Regierung in Syrien geplant und durchgeführt. Von Beginn an wurde er aber als das Gegenteil bezeichnet, nämlich als eine Verteidigungsmaßname. Selbst wenn man dieser Behauptung zustimmen würde, bleibt die Frage, wer oder was verteidigt wurde und wird. Die Freiheit? Das syrische Volk? Das amerikanische Verständnis von Demokratie? Was es auch sein mag, der Krieg gegen Syrien ist illegal, er war es von Anfang an.

Was würde wohl passieren, wenn im folgenden fiktiven Szenario Syrien in die USA, bzw. in Texas einmarschieren bzw. den Bundesstaat bewusst schwächen und einen Krieg inszenieren würde? Man kann davon ausgehen, dass der Spuk nach wenigen Stunden wieder vorbei wäre. Im realen Falle Syriens reichten allerdings auch Jahre nicht aus, um die verbotene imperiale Politik der USA zu entlarven. Weil kaum jemand ein Interesse daran hat.

Die Toten von Texas

10.11.20xx

Der Schwarze Andrew Clarke wird in Texas zum Tode verurteilt. Ihm werden Vergewaltigung und Mord in vier Fällen vorgeworfen. Clarke bestreitet die Tat, beteuert seine Unschuld und vermutet hinter dem Urteil Rassismus. Die öffentliche Stimmung ist zwiegespalten, Menschenrechtler versuchen, eine Begnadigung zu erwirken, parallel dazu äußern sich Mitglieder des Ku-Klux-Klan immer radikaler und fordern die unverzügliche Vollstreckung des Urteils.

15.12.

Der Gouverneur von Texas gibt bekannt, dass Andrew Clarke aufgrund Verfahrensfehler und neuer Beweise begnadigt wird. Kurze Zeit später brennen die ersten Autos, Mitglieder des Ku-Klux-Klans werden beim Stürmen eines Supermarktes beobachtet. Konservative Bürger äußern Unverständnis für die richterliche Entscheidung, zu weiteren Unruhen kommt es jedoch zunächst nicht.

22.12.

Frankreich und Deutschland kritisieren die Begnadigung Clarkes scharf. Die Bundeskanzlerin sagt im Fernsehen, dass das ursprüngliche Urteil gerecht gewesen sei, die Beweislage gegen Clarke sei erdrückend. Für die Kanzlerin sei daher die Begnadigung nicht nachvollziehbar, Vorwürfe über einen rassistischen Hintergrund weist sie von sich. Dennoch werde es keine Konsequenzen geben, denn Texas sei ein autarker, amerikanischer Bundesstaat, man müsse die politische Entscheidungen nicht richtig finden, doch ein Eingriff in die Innenpolitik sei schon aufgrund der UNO-Charta nicht möglich.

03.01.

Mehrere Mitglieder des Ku-Klux-Klans werden nach gewalttätigen Auseinandersetzungen verhaftet. Die internationalen Reaktionen fallen unterschiedlich aus, fast alle politischen Führungen sind sich jedoch weitgehend einig, dass die Verhaftungen wahrscheinlich gerechtfertigt seien. Nur aus Syrien hagelt es Kritik. Der Ku-Klux-Klan sei eine Freiheitsbewegung, die unterstützt werden müsse. Der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, sei ein Despot, der gezielt gegen seine Bevölkerung vorgehe. Es gelte aus syrischer Sicht nun, mit militärischen Mitteln in Texas einzugreifen. Die UNO wiegelt ab und erklärt, dass es sich bei Texas um einen unabhängigen Bundesstaat handele, der seinerseits niemanden angegriffen habe, weshalb ein Militäreinsatz in Texas ausgeschlossen sei.

15.01.

Syrien unterstützt hinter verschlossenen Türen die Mitglieder des Ku-Klux-Klan. Die Hilfe erfolgt durch Waffenlieferungen, Trainings und logistische Unterstützung. In der syrischen Presse fällt das erste Mal der Begriff „Freiheitskämpfer“, womit zunächst nicht die Mitglieder des Ku-Klux-Klans gemeint sind, sondern andere Gruppen, deren genaue Zielsetzung und Herkunft unklar ist. Sie, so ist vereinzelt zu lesen, kämpfen jedoch für die Freiheit und strebten eine Justiz an, die wirklich unabhängig ist. Greg Abbott wird erstmals als „Diktator“ bezeichnet, der Ku-Klux-Klan wird in westlichen Medien als „moderater als gedacht“ beschrieben.

03.02.

Inzwischen sind die Zustände in Texas chaotisch und unübersichtlich geworden. Greg Abbott versucht hilflos, die medialen und politischen Angriffe von außen abzuwehren, er betont, dass es sich bei der Begnadigung um eine korrekte Entscheidung gehandelt habe. Doch Gehör findet er kaum noch. Nahezu alle westlichen Länder sind mittlerweile zum Schluss gekommen, dass Texas von einem Regime geführt wird, das Vergewaltigung und Mord zulasse. Die Bundeskanzlerin betont im ZDF, dass der Kampf gegen den Terror aus Texas mit allen Mittel geführt und gewonnen werden müsse. Währenddessen kursieren im Netz Artikel, die Abbott als konservativen Politiker darstellen, der durchaus zu kritisieren ist, schon wegen der immer wieder praktizierten Todesstrafe. Dennoch sei es nicht zulässig, militärisch gegen Abbott vorzugehen, der ein demokratisch gewählter Gouverneur sei. Einige der Artikel dieser Art erreichen eine verhältnismäßig große Reichweite, die Leitmedien nehmen diese Anregungen und Forderungen jedoch nicht auf. Die „Zeit“, die „Welt“, die „Süddeutsche Zeitung“ und die „taz“ beschreiben die Lage in Texas als desaströs und fordern die politischen Führungen auf, gegen den Machthaber Abbott vorzugehen.

21.02.

Auf offener Straße werden bei einer friedlichen Demonstration zwei Menschen von hinten erschossen. Politik und Presse legen sich schnell fest, dass Greg Abbott dafür verantwortlich sei. Dieser streitet das ab und betont, dass auch auf Polizisten geschossen wurde und die Waffen identisch mit den Mordwaffen seien. Abbott unterstreicht, dass er keineswegs auf seine eigene Bevölkerung schießen würde, dass er aber alles tue, um die Verantwortlichen, die Kämpfer des Ku-Klux-Klan und der anderen Gruppen, zur Rechenschaft zu ziehen. Aus Syrien kommt die Meldung, dass es sich bei den Gruppen neben dem Ku-Klux-Klan um „gemäßigte Rebellen“ handele, die im Dienste der Freiheit und Demokratie agieren.

Die „Bild“ schreibt daraufhin: „Das schmutzige Geschäft des Greg Abbott – wie der Gouverneur von Texas seine Bevölkerung abschlachtet.“ Auf einem Blog, betrieben von einem Texaner, lässt sich die Information finden, dass Syrien den Ku-Klux-Klan ganz gezielt aufgebaut und militärisch ausgerüstet hat. Abbott, so heißt es, genieße bei der Bevölkerung von Texas nach wie vor hohe Sympathiewerte, der Ku-Klux-Klan dagegen sei inzwischen allgemein gefürchtet, weil er raube, vergewaltige und morde. Doch die Weltöffentlichkeit hat sich längst ihr eigenes Bild gemacht. Greg Abbott, da sind sich fast alle Außenminister einig, müsse weg.

04.03.

Gut fünf Prozent der texanischen Bevölkerung sind ausgelöscht. Der Ku-Klux-Klan hat inzwischen in Teilen von Texas die Kontrolle übernommen, zudem ist die Zahl seiner Mitglieder stark angewachsen. Es ist nicht mehr überschaubar, wer tatsächlich zum Klan gehört und wer von außen eingeschleust wurde, um den Widerstand zu unterstützen. Die Ölförderung ist inzwischen ganz in der Hand des Ku-Klux-Klan. Greg Abborr entging nur knapp einem Drohnenangriff, Syrien weist jede Verantwortung für den Anschlagsversuch von sich.

Aus Syrien wird gemeldet, dass der Ku-Klux-Klan das Problem ist. Die Kontrolle über das texanische Öl sei durch Terror und Mord zustande gekommen. Auf die Nachfrage vereinzelter Journalisten, die anmerken, dass es noch nicht lange her sei, dass Syrien den Ku-Klux-Klan aktiv unterstützt habe, entgegnet die syrische Führung, dass dies ein falsches Bild vermittle. Syrien unterstütze lediglich die Freiheitskämpfer, der Ku-Klux-Klan sei ebenso zu bekämpfen wie Abbott.

30.03.

Vor laufender Kamera erschießen Mitglieder des Ku-Klux-Klan zwei ausländische Journalisten. Kurze Zeit später berichtet die syrische Presse, dass Abbott Fassbomben abgeworfen habe, die gut 150 Zivilisten getötet hätten. Syrien hat deshalb als Feinde neben Greg Abbott den Ku-Klux-Klan ausgemacht. Da beide zusammenarbeiten, so die syrische Regierung, müsse beiden jede Möglichkeit genommen werden, weiter Zivilisten, Frauen und Kinder zu töten. Es kommt zu ersten Luftangriffen, die in den folgenden Wochen ungeahnte Ausmaße annehmen. Texas ist inzwischen weitgehend zerstört, handlungsunfähig und traumatisiert.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Ich höre an dieser Stelle mit der Fiktion auf. Denn man ahnt, wie es weitergeht. Und natürlich ist diese ganze Szenerie völlig absurd. Zudem: Ich habe weitgehend darauf verzichtet, die Rollen der anderen Länder zu berücksichtigen, diese Fiktion könnte also fiktiver gar nicht sein, erst recht, weil Syrien selbst unter perfekten Voraussetzungen nie auf die Idee käme, einen amerikanischen Bundesstaat anzugreifen. Sollte mir also jemand unterstellen, ich würde Syrien imperialistische Absichten unterstellen, so sei angemerkt: Papperlapapp, die Fiktion dient lediglich als Überzeichnung, das Land Syrien habe ich aufgrund der aktuellen Situation gewählt.

Beim Schreiben – und im besten Fall auch beim Lesen des Artikels – ist mir allerdings wiederholt aufgefallen, wie hanebüchen die Begründungen für den Beginn eines Krieges sind, auch und insbesondere in Syrien.

Worum es geht

Das ist recht simpel. Es geht darum aufzuzeigen, mit welch an den Haaren herbeigezogenen Argumenten Angriffskriege geführt werden. Es geht darum zu demonstrieren, dass es nicht zulässig ist, eine Regierung – welchen Landes auch immer – mit militärischer Gewalt zu entfernen und dabei ohne Rücksicht auf Verluste brutal und erbarmungslos vorzugehen. Es geht darum, dass der seit den Anschlägen von 9/11 geführte „Kampf gegen den Terrorismus“ längst – genau genommen: von Anfang an – nur ein Vorwand war, um Kriege zu führen, um Einfluss und Macht zu maximieren. Und es geht nicht zuletzt darum, dass Politik und Medien bewusst – oder unwissend, beides ist eine sträfliche Vernachlässigung der Pflicht zur Genauigkeit – Kriege ungeprüft als notwendig darstellen und den Bevölkerungen die Chance verweigern, unterschiedliche Perspektiven zu überprüfen.
Es geht um das Völkerrecht, das seit Jahren mit Füßen getreten und mit Bomben befeuert wird.
Darum geht es.

Wer bei dem Texas-Szenario nur den Kopf schüttelt ob derart aus der Luft gegriffener Argumente seitens des Angreifers, der möge sich einmal die aktuelle Situation in Syrien genauer anschauen. Derweil muss das Schütteln des Kopfes nicht einmal unterbrochen werden.

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Bild: Martin

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