„Postfaktisch?“ Was soll denn nun dieser Unsinn schon wieder?

Am 19. September erklärte die Kanzlerin nach der verlorenen Berlin-Wahl, „wir lebten in postfaktischen Zeiten, [da] die Menschen sich nicht mehr für Fakten [interessierten], sondern alleine den Gefühlen [folgen]“. Damit war ein politischer Kampfbegriff geboren. Egal ob es um Donald Trump, den Brexit oder jedes x-beliebige Thema geht, das dem politischen und medialen Establishment nicht in den Kram passt: Für unsere Papageienjournalisten ist das jetzt alles „postfaktisch“. Soll man darüber jetzt lachen oder weinen? Mit solch albernen Wortspielereien werden die Massenmedien den Verlust ihrer Deutungshoheit auch nicht kompensieren können. „Postfaktisch“ ist vor allem die Politik der Bundesregierung. Und das schon seit langem.

„Postfaktisch“ ist in. International wurde der Begriff, der im Englischen als „post-thruth“ bekannt ist, in diesem Jahr zwanzigmal so häufig verwendet wie im letzten Jahr. Für die angesehene Oxford Dictionary ist dies Grund genug, diesen Begriff zum internationalen Wort des Jahres zu erklären. „Erfunden“ wurde der Begriff übrigens 2004 in einem vollkommen anderen Kontext. Der amerikanische Schriftsteller Ralph Keyes kritisierte in seinem Buch „The Post-Truth Era“ , das ein Jahr nach Colin Powells berühmt berüchtigter „Beweisführung“ vor dem UN-Sicherheitsrat erschienen ist, vor allem das Ignorieren und Beugen von Fakten bei der politischen Instrumentalisierung von 9/11. Keyes klagt die etablierte Politik und die etablierten Medien an, die Fakten ignoriert haben, um einen lange geplanten Krieg zu führen.

Heute ist „postfaktisch“ vor allem ein Kampfbegriff, der von den Etablierten genau anders herum eingesetzt wird. „Angetrieben von dem Aufstieg der Sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden“ sei die Jury der Oxford Dictionary gewesen, so Verlagsleiter Casper Grathwohl https://en.oxforddictionaries.com/word-of-the-year/word-of-the-year-2016 . Dies ist vor allem im Kontext mit Keyes damaliger Argumentation ein Treppenwitz der Geschichte. Ein Begriff, der sich eigentlich auf die großen Lügen der Medien und der Politik bezieht, wird nun absurderweise zur Verteidigung ebenjener Angeklagten gegen die Kläger ins Feld geführt.

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