Noch ein achtzehnter Brumaire

Man sollte sich dieser Tage ein bisschen mehr mit dem Bonapartismus beschäftigen. Und dafür etwas weniger mit dem Faschismus. Augstein tat letzteres ja bereits. Er sieht den Faschismus an die Macht kommen und begründet es auch nachvollziehbar. Doch die Wahl dieses Donald Trump gleicht weniger einer faschistischen Machtergreifung als viel mehr dem Streich Louis Bonapartes. Wenn man verstehen möchte, was dort und in anderen westlichen Ländern gerade geschieht, sollte mal den »achtzehnten Brumaire« Marxens lesen. Diese Schrift könnte man fast für die heutige Zeit adaptieren. Laut August Thalheimer sei es gewissermaßen die Faschismustheorie aus der Feder des alten Meisters. Er nannte sie nur nicht so. Treffender wäre aber, sie als Vorform einer solchen Theorie zu bezeichnen. So möchte ich das Phänomen Trump auch begreifen: Der Mann ist eine Vorstufe. Nach hinten sind wir offen. Noch.

Die Beschäftigung mit den Theorien zum Bonapartismus macht uns Heutigen deutlich: In den Faschismus schlittert man nicht. Er ist fast zwangsläufig, wenn die Deklassierten das Gefühl haben, sie werden nicht mehr politisch vertreten. Es wird Zeit, dass das die Entscheider langsam mal begreifen.

Mister Trump wird das Präsidentengehalt wohl ausschlagen. Als Vertreter einer Bewegung, die ihn zur Stimme ihrer relativen Verelendung gemacht hat, ist das mehr als bloße Großzügigkeit. Es ist ein Symbol seiner Inszenierung. Denn er ist der Mann der armen Weißen. Sie sind seine Mission. So sagt er jedenfalls. Nun gut, er hat das Salär auch nicht nötig: 400.000 Dollar im Jahr – wenn Melania eine Party schmeißt kostet die ja schon mehr. Die Ankündigung des Verzichts ist dennoch mehr als der Beleg dafür, dass hier keine Bedürftigkeit besteht. Es ist das Programm, die Show und Choreographie zur Grundlage dieser Präsidentschaft. Diesem Milliardär ist es gelungen, sich als Sachwalter jener Menschen zu stilisieren, die seit Jahren den wirtschaftlichen Anschluss verlieren. Zwar gilt er als autoritärer Charakter und viele seine Sprüche belegen das auch, aber dennoch hat er die Unter- und die schwindende Mittelschicht für sich erobert. Das ist der Stoff, aus der Brumaires sind.

Als Zeitgenosse Louis Bonapartes war Karl Marx aufgefallen, dass jener seine autokratische Herrschaft nicht alleine auf das Bürgertum stützte, obwohl er an und für sich deren ausgemachter Vertreter sein musste. Es gelang ihm im Zuge seines Staatsstreiches von 1851, die Bauern und das Lumpenproletariat als die entscheidenden Kräften für seine Machterlangung einzubinden. Indem er diesen Gruppen soziale Reformen in Aussicht stellte, band er sie an seine Person. Gleichzeitig erklärte er dem Bürgertum, dass er dessen Besitzordnung wahren würde, es aber politische Rechte zu seinen Gunsten abtreten müsse. Bonaparte kanalisierte so die Emanzipation der Massen und ordnete sie seinem autokratischen Anspruch unter. Ein Patt im Klassenkampf, so ahnte Marx, habe es ermöglicht, dass ein autoritäres Regime durch das Proletariat emporgetragen wurde. In seiner Schrift »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« versuchte er nachzuweisen, »wie der Klassenkampf in Frankreich Umstände und Verhältnisse schuf, welche einer mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der Heldenrolle ermöglichen«.

Der Titel des Werkes bezog sich übrigens auf den 18. Brumaire von Louis Bonapartes Onkel Napoléon. An eben jenen Tag des achten Jahres des französischen Revolutionskalenders (1799) gelang es ihm, per Staatstreich die Alleinherrschaft mit diktatorischen Vollmachten an sich zu reißen. Marx unterstellte dem Neffen, dass dieser seinen Staatsstreich als Farce kopiert habe.

Wie schon oben erwähnt, glaubte der kommunistische Theoretiker August Thalheimer, dass diese Schrift Marxens als Faschismustheorie zu begreifen ist. Marx hatte den Begriff »Faschismus« nie verwendet – konnte er auch nicht, denn es gab diesen Ausdruck noch gar nicht. Aber als frühe Beschreibung eines Übergangs in eine faschistoide Ordnung, so legte Thalheimer dar, müsse man die Schrift heranziehen. Nebenher widersprach Thalheimer der offiziellen Deutung der Linken, dass Faschismus letztlich ein Konzept der Bourgeoisie sei, um die Arbeiterbewegung zu unterdrücken. Explizit betonte er das Klassengleichgewicht, das dem Faschismus in die Hände spiele. Heute würde man vielleicht eher vom Einschlafen des Bewusstseins sprechen, für seine jeweiligen Interessen auch zu kämpfen.

Trotzdem ist der Bonapartismus des Neffen des Kaisers der Franzosen nicht gleichzusetzen mit dem Faschismus. Ihm fehlte der totalitäre Anspruch. Und wenn wir uns die Entwicklung in den Vereinigten Staaten ansehen, so muss man sagen: Klar, da wandelt einer in den Spuren des Louis Bonaparte, setzt sogar noch rassistische Marken, die der dritte Napoléon so nicht oder jedenfalls nicht explizit in sein Konzept einpflegte. Aber so richtig totalitär, mit Zensur und Unterdrückung der Opposition: Das geschieht wohl nicht in den USA. Oder noch nicht?

Ich möchte gar nicht darüber diskutieren, wie wir dieses Phänomen begrifflich richtig einordnen können. Das ist Energieverschwendung. Aber wer begreifen möchte, was da gerade in so gut wie allen Industrieländern geschieht, der sollte sich mit Marx und Thalheimer befassen. Eines scheint die aktuelle Entwicklung aber schon jetzt zu belegen: Wer über Jahre gedacht hat, dass der Weg in den Faschismus ein Arrangement der Reichen gegen die Armen war, der sollte sich mit Blick auf unsere Zeit belehren lassen. Wir haben es stets mit einer »mittelmäßigen und grotesken Personage« (Marx) zu tun, die auch den Armen das Gefühl gibt, von Bedeutung zu sein. Aber Gefühl ist nun mal keine materielle Grundlage.

Übrigens, der achtzehnte Brumaire des Jahres VIII war umgerechnet der 9. November 1799. Exakt 217 Jahre später sah die Welt den neuen US-Präsidenten. Und so erhielt sie einen weiteren achtzehnten Brumaire für ihre Annalen …

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1 Kommentar auf "Noch ein achtzehnter Brumaire"

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[…] Damit bezog er sich auf Marxens Schrift über den Bonapartismus. (Kürzlich habe ich hier dessen achtzehnten Brumaire erläutert.) Für Marx stellte die Machterlangung des dritten Napoleon eine einzigartige […]

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