Luther hätt‘ die FAZ gelesen

Die Allgemeinen aus Frankfurt, man ahnte es ja schon, die sind keine modernen Konservativen mehr. Aber das waren sie sicherlich mal. Seinerzeit pflegten sie noch ein modernes konservatives Weltbild, wenn es dergleichen überhaupt gibt. Eines, das man nicht mögen, das man als Gegner allerdings hier und da auch mal argumentativ abrufen musste, um halt auch mal über den Tellerrand zu blicken. Um zu verstehen, wie die Gegenseite es sieht. Heute sind sie nicht mehr argumentativ, sie haben sich ins postfaktische Zeitalter verabschiedet und deklinieren die ökonomischen Realitäten fast schon propagandistisch. Und zuweilen tritt sogar hervor, wie sie aus der modernen Welt fallen. Zuletzt mal wieder mit einem Kommentar, der der Republik einen Imperativ aufhalste: Mehr Luther wagen. Du lieber Himmel, eine Figur des ausgehenden Mittelalters als Prototyp des modernen zoon politikon empfehlen diese Mediävisten dem Land. Das lässt tief blicken. Außerdem ist es ja nicht so, dass dem Luther seine Kirche zu wenig von ihm hätte. Weniger täte ihr eher gut.

Mehr Luther wagen also. Das setzt diese Tageszeitung also tatsächlich einem Credo nach mehr gewagter Demokratie entgegen. Als sei es dasselbe, so behandeln sie beide Aussagen. Luther war – modern gesprochen – ein Antisemit; und Moslems mochte er auch nicht besonders. Das kann man ihm ja nicht mal zum Vorwurf machen. So waren die Zeiten. Obgleich er ein Zeitgenosse der Renaissance war, und seine Kritik an der katholischen Kirche ist vor allem eine Kritik an den Auswüchsen der Renaissance-Menschen innerhalb des Klerus, war er in vielerlei Hinsicht tief im Mittelalter verwurzelt. Ihn plagten Dämonen geradezu physisch, wie uns Chronisten berichteten. Von Streitgesprächen mit dem Teufel, die er in seiner Kammer lautstark ausfocht, war die Rede. Wie ein Mensch des Mittelalters gelang es ihm ganz offenbar nicht, die Grenzen zwischen Diesseits und Geisterwelt oder Jenseits scharf zu ziehen. Und wir sollen also die Werte eines Menschen wagen, der schon damals ein intellektuelles Auslaufmodell war?

Selbst wenn man ihn als Modernisierer lesen möchte: Ein Mensch, der vor 600 Jahren sein Leben führte, kann doch nicht ernstlich als Vorbild für eine komplexe Welt wie die aktuelle gelten. Wer dergleichen als Forderung in den Raum wirft, der muss geradezu an einen zynischen Hang zur Simplifizierung des Weltgeschehens leiden. Welche ökonomischen Vorschläge kann ein Mensch erteilen, der in einer Epoche lebte, da Wirtschaftswachstum so fremd war, wie auch nur ein rudimentär ausgeprägtes ökonomisches Basisverständnis?

Aber eines muss man ohnehin mal klarstellen. Dem Luther seine Kirche wagt ihn doch. Ganz oft. Viel zu oft. In der Erinnerung präsent ist die reformistische Zeit, da die Agenda 2010 aktiviert wurde und die Evangelische Kirche in Deutschland und ihr Vorsitzender ganz vehement für einen schlankeren Staat warben. »Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive« war damals das Motto – ein allgemeines Lob der Angebotsökonomie. Da trat seine Kirche fast ein bisschen auf wie er selbst, als er »wider die Bauern« zürnte und der Obrigkeit Gewalt ans probates Mittel ans Herz legte, um sich gegen den Pöbel zu wehren, denn »drum gab [Gott] der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.« Womit vielleicht klarer würde, warum man in der Frankfurter Redaktion grundsätzlich nichts gegen mehr gewagten Luther hätte. Der weiß wenigstens, wo jeder seinen Platz in der Ordnung einnimmt und hat die Leute nicht unnötig aufgewiegelt. Ach, wenn doch die Leute auf Anti-TTIP-Demos auch mal wüssten, wo ihr Platz ist … Luther könnte da behilflich sein.

Natürlich hat Luther den Fortgang der Geschichte beeinflusst. Insofern ist das Gedenken an seine Person ja gerechtfertigt. Aber eine Empfehlung an unsere Zeit kann er nicht sein. Kann keiner sein, der in völlig anderen Verhältnissen lebte. Dass aber eine Tageszeitung den mittelalterlichen Wertekanon als Ideal anpreist, das offenbart abermals, dass dieser publizierte Konservatismus keine zukunftsweisende Ausrichtung hat, sondern sich lieber im Mittelalter einigelt. Das sind Kommentare aus dem ausgehenden Mittelalter – und die betagteren Abonnenten können sich sicher noch an diese Zeit erinnern. Luther hätte die FAZ gelesen. Die Zeitung für den Menschen von gestern.

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