Küsst die Postfaktischen, wo ihr sie trefft …

Die Abgehängten des herrschenden ökonomischen Kurses werden in den westlichen Industrieländern immer mehr zum Faktor. Sie sprechen skurrilen Personen ihr politisches Vertrauen aus und taumeln zwischen Klamauk und der Hoffnung, da würde jemand für sie sprechen. Der baldige US-Präsident, vormals Star einer Scripted Reality, wird jedoch den ökonomischen Kurs halten. Auf dem ist er zum Milliardär geworden. Das ist ihm Beweis genug für die Richtigkeit neoklassischer Konzepte. Er wird nicht mal wissen, dass man es auch anders, dass man es antizyklischer gestalten könnte. Nicht mal die Begriffe wird er kennen. Ein gerechteres Steuersystem wird es mit ihm nicht geben. Er ist der Vertreter der Abgehängten, der mit ziemlicher Sicherheit alles dafür tun wird, damit der Abstand, den diese Leute zwischen sich und ihren Hoffnungen auf ein besseres Leben sehen, noch ein wenig größer wird. Bei uns verrichtet diese Rolle die AfD. Man könnte nun in Deutschland von dieser Zäsur über dem Teich lernen: Und zwar, wie man verhindert, dass Leute dieses Schlages zu groß werden.

Vor einigen Tagen erschien im Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen« ein recht ordentlicher Artikel. Sowas kommt vor. Selten zwar, aber … Er stammt von Quynh Tran. Sie behauptet, dass »viele Film- und Medienleute in Amerika« Trump verhindern wollten. Der kam daher nur im »schlechten Licht« in den Medien vor. Potenzielle Trump-Wähler ebenfalls. Sie wurden geächtet wie er selbst. Das steigerte natürlich deren Hass und band sie noch stärker an diesen Kandidaten. Dass eigentlich so gut wie alle Presseerzeugnisse ihre Wahlempfehlungen für Clinton aussprachen, habe die Wähler eher noch in der Einsicht bestärkt, dass da das System alle Hebel in Bewegung setzt, um sich erhalten zu können.

Diese Tendenz erkenne ich auch in Deutschland. Der eher liberalere Teil der Gesellschaft pflegt nach wie vor einen bildungsbürgerlichen Snobismus im Umgang mit Menschen, die sich als AfD-Wähler outen oder wenigstens damit kokettieren. Man stempelt sie als Idioten ab, als Gehirnlose, die nicht wüssten, wie man Demokratie macht und die uns jetzt alle mit in die Scheiße reiten wollen. Stephan Hebel hat in seinem Brandbrief kurz und prägnant herausgearbeitet, dass nicht jeder »sehr geehrte AfD-Wähler« ein Rassist ist, der mit absoluter Überzeugung diese Partei wählt. Sie sind Abgehängte des Systems, Parias einer volkswirtschaftlichen Vorstellung, die auf die Probleme der Zeit bloß mit kontraproduktiven Schlagworten wie »Steuern runter!«, »Niedriglohnsektor ausbauen!« oder »Dem Markt vertrauen!« zu antworten weiß. Deshalb bat er den »sehr geehrten AfD-Wähler« um kurze Aufmerksamkeit, er sehe nämlich sehr wohl, woher der seinen Ärger nehme, aber die AfD sei eben keine Antwort auf seine Fragen. Sie sei ökonomisch gesehen gewissermaßen »der gleiche alte Mist mit einer neuen Frisur«, um es mit einer griffigen Sentenz aus der Serie »Black Mirror« zu umschreiben.

Die potenziellen Wähler dieser Partei am rechten Rand grundsätzlich als Dummköpfe einzuordnen, wie das zum Beispiel die »heute-show« Sendung für Sendung für Sendung tut, schafft weder Aufklärung noch missioniert es die Wählerschaft. Das Gegenteil ist der Fall. Sie fühlen sich von solchen Angriffen nur bestätigt und votieren erst recht für diese Leute, von denen sie sicherlich auch denken, dass sie unter Umständen nicht die sind, die sie vorgeben zu sein. Aber dieser Arroganz von Menschen, die eben nicht abgehängt wurden und aus ihrer Stellung im Medienbetrieb bequem moralisieren können, wollen sie sich nicht beugen. Es ist ein Trotzverhalten von falschem Stolz. Und auf diesem Trotzverhalten basiert mit ziemlicher Sicherheit ein ganzes Segment von Wählern, die sich für autoritäre Optionen entscheiden, die sich kalkuliert als Alternativen zum alten Kurs anbiedern, es aber im Kern gar nicht sind und sein wollen.

Im Übrigen ist es doch hier nicht auch nicht so viel anders. Jede Zeitung distanziert sich von der AfD. Sogar solche Zeitungen, die noch vor einigen Jahren Sarrazin, Merz und Henkel als potenzielle Gründerväter einer neuen rechten Partei hofierten, die aber heute so tun, als haben sie keine politische Nähe zur AfD. Aber genau die hatten und haben sie. Die vier großen Buchstaben haben jedenfalls selten das Gegenteil von dem geschrieben, was die AfD nun als alternativen Weg in Aussicht stellt. Und das ist sowohl idealistisch wie ökonomisch gemeint. Wenn die potenziellen Wähler selbst in Medien, die grundsätzlich die Richtung dieser neuen rechten Partei teilen, Ablehnung herauslesen, dann bestärkt man sie. Simpel gesagt: Wahrscheinlich würde man die postfaktische Bewegung ausbremsen, wenn so genannte »Systemmedien« nicht grundsätzlich die AfD ablehnten. Denn das ist ja zu großen Teilen der Grund, warum man diese Partei wählt: Weil man dem System mittels solcher Phänomene einen Schraubenschlüssel ins Räderwerk werfen will.

Von vielen Wählern Donald Trumps hat man nämlich vernommen, sie hätten den Mann nur gewählt, weil sie denen da oben mal eines auswischen wollten. Die Taktik des Milliardärs so zu tun, als ob, die ging auf. Von etlichen AfD-Wählern bei Landtagswahlen hat man ähnliche Motive vernommen. Das sind Proteste an der Urne. Einige mögen auch Überzeugte sein. Die kann man eh nicht erreichen, die kann man nicht überzeugen, dass sie sich keinen Gefallen tun, wenn man sich Ordoautoritäre vor die Nase setzt. Einen Großteil von Protestwählern allerdings schon. Wenn man sie aber immer wieder als provinzielle Idioten oder Kriminelle bagatellisiert und so dem Spott aussetzt, dann bindet man sie an die falsche Option. Und wenn dann dieselbe »heute-show«, die AfD-Wähler idiotisiert, dann auch noch Sarah Wagenknecht abwatscht, weil die als Linke begriffen habe, dass man der AfD ökonomische Themen entreißen muss, dann ist das eine bildungsbürgerlicher Dünkel, der vielleicht Quote zeitigt, aber die AfD nicht schwächt, sondern das Gegenteil bewirkt.

Vielleicht könnten wir an dieser Stelle, zehn Wochen bevor Herr Trump als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird, ein bisschen was aus dieser Geschichte lernen. Am 9. November wurde der Mann gewählt, haben die postdemokratischen Auflösungserscheinungen das nächste Level erreicht. Dieser 9. November, der Tag der Deutschen, wie man mit Blick auf die Historie zuweilen sagt: Vielleicht sollte man den Tag mit in die Galerie bedeutsamer Zäsuren aufnehmen. Als Tag, da man einsah, dass man die über Jahre Abgehängten jetzt wieder wirtschaftlich einbinden muss, um die liberale Gesellschaft zu retten. Die Medien sollten AfD-Wähler ernster nehmen und sie nicht gleich glattbügeln.

Und verdammt, jetzt empfehle ich gleich noch etwas, was sicher in den falschen Hals gekriegt wird: Rechtskonservative Zeitungen des Mainstreams sollen zu dieser Partei stehen und sich nicht, aus Angst vor der Schmuddelecke, zurückhalten. Das ist mir lieber, als diese verlogene Front gegen die AfD, die mehr Wähler generiert, als Einsichten, sie nicht zu wählen. Dieser Rechtsruck, der überall zu spüren und ökonomisch verifizierbar ist und den der Mainstream, der inhaltlich zur AfD passt, einfach galant umschifft, indem er diese Partei exkludiert, hängt mir zum Hals raus. Genau das ist es, was die Leute spüren und was sie ins Lager der Rattenfänger treibt. Leitmedien, steht doch zum Rechtsruck, den ihr mit eurer Hilfe mitverursacht habt. Wenn die Leute merken, dass die Wahl dieser Partei keine rebellische Tat ist, sondern von bestimmten Eliten sogar gern gesehen würde, dann glaube ich wirklich, geht ihnen ihr billiges Urnenheldentum gleich verloren.

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