Hassreden und Rentner: Wir arbeiten am Feindbild

#Mehrwutstropfen/Kommentar

Hassreden? Geht gar nicht! Wenn es darum geht, Menschen zu verurteilen, die ihre Unzufriedenheit ungefiltert und nicht selten komplett sinnfrei heraus brüllen, sind die Politiker der großen Koalition und alle jene aus ihrem direkten oder indirekten Dunstkreis schnell dabei, den mahnenden Zeigefinger in die Luft zu strecken. So etwas gehe ja nun überhaupt nicht, das sei nicht vereinbar mit unseren ach so wertvollen demokratischen Werten. Applaus, Applaus, nicht nur bei Frank Plasberg, sondern auch bei Anne Will, der Maischberger, Illner und wie sie noch alle heißen. Nur dumm, dass genau diese hochgehaltenen Zeigefinger erheblichen Anteil am Entstehen von Hassreden haben. Aktuelles Objekt der Begierede: die Rente.

Über Jens Spahn habe ich mich bereits im März 2016 ausgelassen. Der Mann ist eine einzige Körperverletzung, und er schlägt fleißig weit drauf. Diesmal auf die Rentner, denen es nun wirklich prima gehe. Sagt Spahn. Das Problem, so der Mann, der niemals einen richtigen Job hatte, seien vielmehr die Kinder. Bei denen läge die Armutsquote bei 16 Prozent, während nur drei Prozent der Rentner auf Grundsicherung angewiesen sei. Mal abgesehen davon, dass diese Zahlen das Produkt der neoliberalen Gedankenwelt von Spahn sind, ist doch klar, wohin die Reise geht: zu Hassreden, ja, genau! Was Spahn betreibt, ist nichts anderes als der armselige Versuch, Menschen zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen. Genau das ist die Basis für das erfolgreiche Entstehen von Hassreden. Doch er macht das natürlich nicht alleine.

Die „Welt“ mischt auch mit beim Erzeugen von Hassgefühlen einer Gruppe von Menschen gegen eine andere. In diesem Fall geht es um Mütter und Kinderlose. Bis zu 102,- Euro mehr Rente bekämen laut „Welt“ Kinderlose gegenüber Eltern. Das Blatt schreibt: „Frauen ohne Kinder bekommen derzeit im Schnitt 684 Euro netto Altersrente, zeigen neue Zahlen. Bei Müttern mit vier Kindern sind es nur 582 Euro.“ Und schürt damit Hass. Nachvollziehbar wäre diese Rechnung, wenn unterm Strich folgendes Ergebnis stände: zu wenig. So aber hetzt die „Welt“ gegen Kinderlose und fordert medial dazu auf, diese unverantwortliche Bevölkerungsgruppe zu verurteilen. Ist ja auch richtig, Kinderlose machen gleich zwei Fehler, erstens bekommen sie keinen Nachwuchs. Und zweitens lassen sie sich das auch noch „fürstlich“ entlohnen, so die wenig subtile Botschaft.

Hassreden? Geht ziemlich gut, wenn man nur will. Genau so funktionieren sie, durch das gegenseitige Ausspielen, durch Verurteilung einer Gruppe gegenüber einer anderen. Neue Zahlen könnten übrigens schon nächste Woche ein ganz anderes Bild ergeben. Vielleicht kommen Jens Spahn und seine Polit-Kumpels dann auf die Idee, dass Männer in Einzimmerwohnungen für die sinkenden Renten verantwortlich sind. Oder Frauen, die sich nicht schminken. Es ist egal, das Prinzip bleibt gleich.
Zu dick aufgetragen? Mitnichten, denn die Rente ist ein extrem sensibler Bereich, der die Emotionen schnell hochkochen lässt. Das wissen Politiker und Medienvertreter, die damit „arbeiten“, und deshalb schüren sie bewusst Gefühle der Angst, des Neides und in der Spitze des Hasses.

Ich ertrage das geheuchelte Geschwafel in den Talkshows, im Bundestag, in den Medien nicht mehr. Dieses ganze Gefasel vom Zusammengehörigkeitsgefühlen, von Achtung, Respekt und demokratischen Werten. Denn das Verhalten dahinter passt nicht dazu. Nach wie vor und immer drastischer hat gefälligst jeder „seines Glückes Schmied“ zu sein, und wer es nicht schafft, ist ein böser Mensch, der sich auch noch über andere bereichert, selbst wenn das Geld vorn und hinten nicht reicht.

Respektvoll wäre es, die Frage zu stellen, wie man mit 582 oder 684,- Euro über die Runden kommen soll. Aber die Zahlen spielen keine so große Rolle, wenn es um das Produzieren von Gründen für Hassreden geht. Im Gegenteil, die stören nur.

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Bild: Alexas_Fotos

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