Gehandelt und schuldig geworden

Al final se cayó. Tun wir ja alle. Und am Ende ist auch Fidel gegangen. Der Unsterbliche: Er war es doch nicht. Dass er das sein könnte, den Eindruck konnte man streckenweise haben. Der Personenkult, den man um ihn errichtete, war über die Jahre ein wesentliches Stück seiner Existenz geworden. Natürlich hat die Welt einen großen Mann der Geschichte des letzten Jahrhunderts verloren. Mit einer Handvoll bärtiger Rebellen und Rebellinnen (letztere vermutlich ohne Bart) stürtzte er ein ausbeuterisches System, dass die Bevölkerung Kubas an Armut fesselte. Später haben Konservative aus der westlichen Welt stets den Banditencharakter Castros und seines Regimes herausstellen wollen, allen voran Generationen von US-Politikern. Das klang stets so, als habe mit Castro ein Einbruch in ein vorher intaktes kubanisches Idyll stattgefunden. Von Batista wurde da schon lange nicht mehr gesprochen. Und auch nicht von der Geschichte Kubas, das so gut wie ohne Pause Terrain imperialistischer Herrschaft war.

Mit seinem Tod entbrennt unter Meinungsmachern und in den Netzwerken wohl ein letzter Deutungskampf um seine Person. Da sind die, die ihn verehren und zu einem Heiligtum des Kampfes gegen die globale Finanzoligarchie küren. Und da sind die anderen, die genau das Gegenteil behaupten, die ihn zum Banditen degradieren, und wer weiß was noch. Schwarz oder weiß, gut oder böse? Doch Castro war, wie jeder Mensch und wie jeder Revolutionär insbesondere, ein in Grautönen gehaltener Charakter. Nicht grau im Sinne von langweilig. Das war er ganz sicher nicht. Es empfiehlt sich, Castro anders zu deuten: Als idealistischen Realo und damit als jemanden, der mit moralischen Kategorien nicht erfassbar ist. Castro lehrt, dass Handeln nicht immer im ethischen Einklang erfolgt. Gerade an Linke und ihr fast schon programmatisches Phlegma, wenn es um Einhaltung der Reinheiten geht, können an Castro erkennen: Man kriegt es nie ganz sauber hin. Wer darauf wartet, der – wartet …

Fidel Castro stand wie kein anderer politischer Líder für den Selbstwert, den sich vom Imperialismus erdrückte Länder und Völker selbst verleihen können, für Widerstand gegen korrupte und brutale Systeme. Unter Batista war Kuba eine Bananenrepublik ohne nennenswerten Bananenexport, bei Bewahrung genau solcher Zustände; es war ein von den Amerikanern dominierter Wirtschaftsraum, in dem billig produziert und sich günstig amüsiert werden konnte. Zwar gab es Sozialprogramme, die die Bevölkerung milde stimmen sollte, aber Rechtsansprüche an der wirtschaftlichen Partizipation existierten freilich nicht. Schlecht sah es auch bei der Elektrifizierung für die Cubanos aus. Tausende Hektar an Land lagen hinter Zäunen brach, konnten aber auch nicht von der Bevölkerung kultiviert werden, weil sie zum Besitz großer amerikanischer Konzerne gehörten. Wer mehr über die Zustände in Batistas Kuba erfahren möchte, sollte sich der Castro-Biographie von José de Villa und Jürgen Neubauer widmen.

Castros Initiative hat den Kubanern eine gewisse Würde vor der Welt zurückgegeben – oder eigentlich: Erst mit Castro wurde der Welt klar, dass die Menschen dieser eigentlich unbedeutenden Insel etwas wie eine Würde hatten. Wenn man ihn also als einen Würdenträger des bolivarischen Gedankens bezeichnete, dann stimmte das nur bedingt. Er war viel mehr der Würdenbringer. Dass auf der Insel Kuba über viele Jahrhunderte hinweg eine einzigartige Melange aus verschiedenen ethnischen und kulturellen Einflüssen entstand, hatte bereits José Martí um die Jahrhundertwende postuliert. Castro aber hat dieser Erkenntnis eine politische und gesellschaftliche Basis verschafft und der kubanischen Gesellschaft eine vormals unbekannte Würde verinnerlicht, die umso mehr anwuchs, je mehr man unter den amerikanischen Reaktionen und, genauer gesagt, unter deren Embargopolitik litt.

Aber bei aller Sympathie, die man mit dem David im karibischen Vorhof des Goliath haben musste: Fidel Castro war auch der Beleg dafür, dass Revolutionsromantik etwas für Menschen an Schreibtischen ist, an denen einzig und alleine bloß mal Blut fließt, wenn man sich mit der Büroklammer versehentlich in die Fingerkuppe sticht. Im Zuge der Revolution wurde natürlich getötet, was nicht anders zu machen ist, wenn man dieses Geschäft ernstlich betreibt. Dass man die Revolution dann programmatisch immer weiterführte, auch dann noch, als die Zeiten vom Militärischen ins Zivile hätten wechseln müssen, hat wenigstens in der Anfangszeit Erschießungskommandos zu festen Einrichtungen im neuen Staat werden lassen. Castro wusste über diese Praxis so gut Bescheid wie Che. In neuerer Zeit tötete man nicht mehr, aber unliebsame Gegenstimmen sperrte man unter schlechten Bedingungen ein, wie Amnesty International regelmäßig berichtet.

Hört man heute nochmal Castros berüchtigt ausufernde Reden, in denen er die gesellschaftliche Verwerflichkeit und vor allem Schädlichkeit gleichgeschlechtlicher Liebe thematisiert und Schwulen auferlegt, sie möchten sich außer Landes begeben, steigt einem nach wie vor die Schamesröte ins Gesicht. Wie kleinkariert und spießig es plötzlich aus der Karibik tönte. Solche Aktionen waren es, die den Exilkubanern beharrlich Wasser auf den Mühlen ihrer teils reaktionären Vorstellungen tröpfelte.

Auch die Heroen der Linken, sie sind freilich nur fehlerbehaftete Menschen. Es irrt auch der Linke, solange er strebt. Moralische Reinheit, dieses ewige Thema in diesem Spektrum, die kann man einem freundlicherweise auch nur andichten – denn die Realität erlaubt einem solche Kopfgeburten nicht. Wobei wir wieder bei Toller wären: Wer handelt, der macht sich schuldig. Wer nicht handelt, der geht unter.

Personen der Zeitgeschichte müssen ja ohnehin im Kontext gelesen werden. So gesehen war Castro selbstverständlich eine große Persönlichkeit, eine der ganz großen linken Symbolfiguren unserer Zeit. Er war das inkarnierte Selbstbewusstsein und die Kampfbereitschaft, die der Underdog an den Tag legen muss, will er zum bestimmenden Mann werden, will er der Schmied einer besseren Zukunft sein. Dass die nicht in allen Bereichen gelang, das lag nicht nur an ihm, sondern an den äußeren Einflüssen. Aber er war nebenher auch der bestimmende Mann unterdrückerischer Kampagnen, von Erschießungskommandos, Inhaftierungswellen und homophoben Exzessen. Diese schwarzen Flecken auf seiner olivgrünen Weste schmälern nicht, dass er bedeutsam war und den unterdrückten Völkern dieser Welt ein impossantes Vorbild. All das zeigt nur: Es ist eben nicht immer alles so einfach und eindeutig, wie man das am revolutionstrunkenen Lagerfeuer hin und wieder glaubt.

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