Der Weltuntergang ist son Kleister aus Deutschland

Das Abendland ist momentan mit seinem Untergang beschäftigt. Oder sagen wir so: Natürlich geht es nicht unter, wir haben ja genug besorgte Bürger, die genau diese Katastrophe verhindern wollen. Das Abendland droht folglich also nur unterzugehen. Mal wieder. Denn der Weltuntergang geht regelmäßig von Deutschland aus. Ohne Untergang des Abendlandes, so könnte man meinen, ist es für orthodoxe Konservative in diesen Breitengraden gar nicht auszuhalten. Sie brauchen die Aussicht darauf, ein Leben am Rande des Niedergangs zu führen. Es reizt sie, als Mitglieder einer sterbenden Art angesehen zu werden. Die Todessehnsucht, die im eigenen Volk aufzugehen scheint, das war stets das gelobte Land antimodernistischer Eliten. Beinahe wie Borderliner suchen sie scheinbar den Rand zum Tode, um sich so noch lebendig zu wähnen.  Deutsche Untergänge sind insofern keine Neuheit. Sarrazin und Trittbrettfahrer sind nicht die Begründer dieser Variante der Apokalypse. Sie sind bloß die augenblicklich letzten in einer Ahnenreihe traurigen Intellektualismus‘.

Ein kurzer Blick in die Galerie der Untergangsliteratur: Da treffen wir natürlich auf Oswald Spengler, der sich insofern antikapitalistisch gab, indem er den Schlachtruf der Revolution von 1789 – »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« – zur Präambel einer Herrschaft des Geldes verklärte. Angelehnt an den Verfall der römischen Republik glaubte er dieselbe Zerrüttung in der modernen Demokratie als Wiederholung zu erkennen. Der Cäsarismus sei die logische Folge daraus. Aus dieser Erkenntnis speiste er seine antidemokratische und antiliberale Haltung. Ein gewisser Edgar Julius Jung novellierte einige Thesen und verstieg sich dazu, von »Der Herrschaft der Minderwertigen« zu sprechen. So lautete dann auch der Titel seiner Schrift von 1927. Sie stellte eine systematische Abrechnung mit der demokratischen Gesellschaftsform dar, die er als Gefahr für den Bestand Deutschlands einstufte und die nebenher natürlich auch das deutsche Volk bedrohen würde. Zur Begründung seiner Thesen bemühte er häufig die »Erbmasse« des Menschen und unterließ es demonstrativ, etwaige Prägungen durch äußere Einflüsse als Faktor gelten zu lassen.

Jahre später langweilte sich Friedrich Sieburg in der neuen deutschen Republik. Den kleinkarierten Spießern der Nachkriegszeit, die er nur um die Mehrung ihres eigenen Wohlstandes besorgt sah und die sich augenscheinlich nicht mehr um einen Rang in der Welt mühten, galt sein aus der Statik von Weinerlichkeit und Kulturpessimismus konstruiertes publizistisches Werk. »Rumpfdeutschland«, wie er die Bundesrepublik und ihre Demokratie verächtlich nannte, erachtete er als Land ohne Stil, als ein Provisorium, das um seine wirklichen Eliten betrogen wurde. Das Deutsche leide unter diesem Verlust und »verwischt unseren physischen Typ«. Weil das aber kaum jemanden störte und der Wohlstand für alle die Antriebsfeder jener Jahre war, glaubte er eine »Lust am Untergang« erkannt zu haben und so nannte er dann auch sein Buch von 1954.

Die konservative Kulturkritik jener Jahre war geprägt von dem Vorwurf, dass das liberale Zeitalter keine Größe mehr kenne, dass die Massengesellschaft im Mittelmaß feststecke, Demokratie letztlich ein System kalkulierter Mittelmäßigkeit sei und wie ein Diktat der Minderwertigen funktioniere. Ganz ohne Zweifel waren die Kulturpessimisten der damaligen Jahre von den Schriften José Ortega y Gassets inspiriert. Der Spanier wuchs der in einer Gesellschaft auf, die ihren eigenen Niedergang über Jahrhunderte kultiviert hatte. Noch als Jugendlicher hatte er den Verlust der letzten Kolonien erlebt und das damalige Spanien war eine lamoryante Nation, eine gescheiterte Großmacht, die jetzt auf ihre eigene Provinzialität zurückgeworfen war. Die Stimmen der Konservativen und Royalisten jener Epoche klangen wie Texte von Sieburg, forderten neue Größe und fragten sich, wo bloß jene Eliten seien, die das packen könnten. Ortega y Gasset verarbeitete dieses Klima intellektuell in seinem berühmten Buch »Der Aufstand der Massen«. Alles was »ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen« ist, werde von der Vermassung vernichtet, behauptete er und sah dabei das Subjekt in der Masse untergehen. Dessenungeachtet war Ortega y Gasset kein plumper Reaktionär, er schätzte die Moderne und den technischen Fortschritt. Aber in der Masse erblickte er dennoch die »aufsässige Menschenkaste«, die den Nihilismus forciere und so die westliche Kultur ersticke. Die Eliten hätten versagt, weil sie durch ihren Niedergang die Vermassung erst ermöglicht hätten.

Der für den NS-Staat engagierte Staatsrechtler Carl Schmitt nahm offenbar viele Anleihen bei Ortega y Gasset. Seine gesamte Parlamentarismuskritik gründet auf der Idee, dass dem Staat durch den Verlust sittlicher Eliten etwas verlorengegangen sei und worum es sich lohnte neu zu kämpfen. Das Proletariat sei kein homogenes Volk, müsse daher mit anderen Mitteln mit der Nation versöhnt werden. Jahrzehnte später wird Michel Houellebecq sein literarisches Werk in eine ähnliche Richtung manövrieren, ohne zugleich immer falsch zu liegen mit seiner Einschätzung. Ortega y Gasset trifft mit seiner Analyse ja auch beständig ins Schwarze, destilliert aber daraus ein Erklärungsmodell, das von elitärem Dünkel geprägt ist. Houellebecq jedenfalls sieht die Verirrungen der Massengesellschaft und Demokratie als ein Produkt des Versagens des Klerus. Die alten Autoritäten hätten versagt und Gott habe als Ordnungshüter abgewirtschaftet und so der Masse die sittliche Instanz genommen. Ersatz habe es aber nie gegeben, die Aufklärung sei folglich gescheitert.

Zurück nach Deutschland und zu einem weiteren Jünger der Apokalypse, zu Arnold Gehlen, einem philosophisch-soziologischen Gegenspieler der Dialektik der Aufklärung. Politik habe sich laut Gehlen um Interessen zu kümmern, nicht aber um ethische Fragen zu scheren. Die allgemeine Wohlfahrt – der Sozialstaat eben – sei im Siegeszug begriffen, »und die Sitten in vollem Verfall«. Er will das nicht als synchrone Erscheinung sehen, sondern als Folge. Die Aufwertung der Minderwertigen würde das Elite-Prinzip mit dem Instrument der Demokratie eindämmen. Die Demokratie verunmögliche es, dass sich das Individuum vollends den Institutionen unterwerfe, womit Demokratie einen gewissermaßen fast unregierbaren Raum entstehen lasse. Ortega y Gassets »aufsässige Menschenkaste« klingt als Echo aus diesen Gedankengängen heraus. Auch Gehlen glaubte in der Gleichheit den deutschen Niedergang zu erblicken.

Es sind immer dieselben Muster, die zu Tage treten. Wir haben es bei diesem Phänomen mit der Blasiertheit der Eliten zu tun, die in mehr oder weniger intellektualisierter Art und Weise sich beständig an der Parole der Französischen Revolution abstrampeln. »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« verheißen für sie kein Versprechen, sondern hören sich für sie an wie die Verheißung einer unaufhaltsamen Gefahr. Die Schlagworte weisen an den Abgrund und darüber hinaus. Ziehen mit sich Deutschland, dessen Volk und vielleicht auch gleich das ganze Abendland hinab. Der Gedanke, dass Demokratie jedem Menschen dieselben Rechte und Pflichten auferlegt, ekelt sie an, weil sie die Gleichheit aller Menschen bestreiten. Dass es von Geburt und Abstammung, demnach von den Genen, gravierende Unterschiede gibt, die man unbedingt weiterhin beibehalten muss, sofern man überleben will, damit begründen die Aussicht auf den Untergang. Diesen durch massive Eingriffe zugunsten der Ungleichheit zu verschieben, das ist der Kleister, den deutsche Konservative gerne als ihren Gesellschaftskitt verkaufen wollen.

Die AfD griff die Weltuntergangsstimmung des Thilo Sarrazin auf. Als der die Szenerie betrat, häuften sich in der konservativen Presse die rhetorischen Fragen, ob denn jetzt eine neue rechte Partei möglich wäre. Es waren Fragen elitärer Journalisten. Und es war natürlich bloß die fragende Rhetorik der Aufforderung, der verbrämte Hinweis darauf, dass da jetzt mehr möglich sein könnte. Und so wurde der publizistisch vorbereitete Weltuntergang zum Parteiprogramm, oder eher, weil man ja ewig gar kein Programm vorweisen konnte, zu einem Bauchgefühl mit Zugang zur Parteienfinanzierung. Deutschland brauche schließlich eine Alternative, weil es sonst zerbreche, überfremde, von Brüssel verschlungen und noch immer nicht von den Alliierten befreit sei. Es sind dieselben Parolen, die schon die Koryphäen der Apokalypse vor Jahrzehnten in die Welt setzten. Auf zeitgenössisch getrimmt, versteht sich – um auch abgekauft zu werden. Auch der Weltuntergang ist letztlich nur ein Markt, ein Business, mit dem man Geld verdienen kann.

Und es lässt sich doch nicht leugnen, die AfD ist nicht die Partei des kleinen Mannes. Warum ausgerechnet die so genannten kleinen Leute ihr auf dem Leim gehen, das hat Ursachen, die man kurioserweise vielleicht sogar mit den in großen Teilen richtigen Beobachtungen des Ortega y Gasset erklären könnte. Die Massengesellschaft hält ihre Versprechungen nicht mehr und schleift nebenbei den Bildungsgrad, manövriert ins soziale Abseits und macht es möglich, dass Arbeiter und Angestellte irrationalerweise eine Partei mit eben jenem elitären Programm wählen, das vom Weltuntergang berichtet und die Reaktion zum Ausweg stilisiert. Und das – vereinfach gesagt – der Parole von 1789 als Gegenkonzept »Zwang, Ungleichheit, Ausgrenzung« entgegensetzt. Sehr geehrter AfD-Wähler, wir sind immer noch hier, das Abendland geht nicht unter, so wie es nie unterging, obwohl dies mancher schon oft glaubte.

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