Terrorexperten, Expertenterror

Einen Alkoholiker kann man eindeutig erkennen. Auch wenn er gerade keine Flasche in der Hand hält. In der U-Bahn zum Beispiel, wenn er nur auf seinem Sitz hockt und gerade mal nichts in sich kippt. Es gibt einige Faktoren, auf die man achten sollte. Das sind Alter, Aussehen, Kleidung, Körpersprache und Verhalten. Ganz wichtig: Ein Faktor alleine reicht nicht aus. Wenn man aber mehrere auf eine Person vereinigen kann, dann darf man relativ sicher sein, dass er regelmäßig säuft. Wenn einer zum Beispiel unreine Haut hat, liegt das vielleicht an einer Hauterkrankung. Vernachlässigt er aber synchron dazu saubere Klamotten, dann könnte das schon ein Indiz sein. Und wenn er jetzt noch aussieht wie ein verbrauchter Endfünfziger, dann rückt die Schlussfolgerung doch ins Blickfeld. Vielleicht ist er außerdem auch noch unsicher auf den Füßen. Volltreffer! Das ist ein Alkoholiker. Ganz einfach, oder nicht? Das klappt fast immer. Man kann das auch so mit Schwulen oder Anhängern diverser Religionen handhaben. Mit der Vorgehensweise enttarnt man fast jede Gruppe. Man muss nur Anzeichen suchen und schon weiß man, wie es um diese Person bestellt ist.

Was ich jetzt nicht nachvollziehen kann, das sind diese Zwischenrufe, die mein inneres Ohr von den Lesern hier vernimmt. Wieso glaubt ein Teil meiner geneigten Leserschaft denn plötzlich, er müsse mich ausbuhen? Wegen der Art der Faktenerhebung, die ich da beschrieben habe? Es gibt auch Faktoren bei Zwischenrufern, auf die man achten sollte. Alter, Aussehen, Kleidung, Körpersprache und Verhalten. Dann weiß ich gleich mit wem ich es zu tun habe. Man sollte mal bitte genau überlegen: Wenn ich das obere Prozedere als Trick verkauft hätte, wie man Terroristen schnell und effizient erkennt, würde ich unter Umständen einer großen deutschen Tageszeitung ein Interview geben und als Experte vorgestellt. Einige Zwischenrufer wollen das nicht glauben? Das war aber so. Ich habe teilweise Sätze aus dem Interview einfach nur kopiert und in diesen unsäglichen ersten Absatz eingefügt.

Der Mensch, der sich dort als Experte gibt, rät den Leuten, sie sollten einfach einige Faktoren addieren, dann könnten sie einschätzen, ob da jemand Terrorist ist oder nicht. Wenn da einer einen weiten Mantel trägt, sei das noch kein Indiz für einen Sprengstoffgürtel. Eventuell sehe er nur komisch unförmig aus, weil das seiner besonderen Anatomie entspreche. Wenn er aber nervös ist und schwitzt, dann müsse man schon aufpassen. Nun ist das für mich noch nicht eindeutig, denn wenn ich zum Beispiel einen Mantel trage (was ich nie tue, mir aber vorstellen kann), dann schwitze ich sicherlich auch ganz ohne Sprengstoff. Wenn er noch Flecken im Gesicht kriegt und an unstetem Blick leide, so meint der Fachmann weiter, dann sollte man die Sicherheitsbehörden informieren. Und zwar schnell. Eines ist völlig klar, dieser Experte war noch nie in Berlin oder Frankfurt in einem öffentlichen Verkehrsmittel. Dort gibt es genug solcher Gestalten. Ganz ohne mörderische Absichten. Wenn einer im Mantel schwitzt und nervös ist, Flecken im Gesicht hat und doof guckt, dann ist es vielleicht ja einfach nur einer im Mantel, der schwitzt und nervös ist, zudem Gesichtsflecken hat und sonderbar guckt. Einer, der sich komisch anzieht, auf dem Weg zu einem endlich erkämpften Bewerbungsgespräch, was man als an Neurodermitis Erkrankter nicht oft erlebt. Zum Beispiel …

Ich bin nun wirklich kein Experte, aber ich weiß halt durch mein Bisschen an Lebenserfahrung, dass meistens ganz einfache Erklärungen hinter den Menschen stecken. Wer schwitzt, dem ist eher heiß, als dass er nervös wäre. Und jemand mit suspekten Klamotten ist entweder ein Hipster oder aber nicht vermögend genug, um sich chic zu gewanden. Wenn mehrere komische Faktoren in Kombination auftreten, dann ist das oft nur eine Folge trauriger Umstände. Wäre dem nicht so, müsste jede Straßenbahnfahrt in den Metropolen dieses Landes mit einem Sprenggürtelträger enden.

Wie gesagt, ich bin nun wahrlich kein Experte. Der Mann, der den Frankfurtern ein Interview gab, dürfte aber auch keiner sein. Es sei denn natürlich, dass wir heute das Expertentum anders definieren. Wenn wir annehmen, dass da jemand am Werk ist, der vollumfänglich über ein Themengebiet im Bilde ist (und nicht in der »Bild«, das ist ein Unterschied), alle Aspekte kennt und sachlich innerhalb des Wissbaren dort argumentiert und erklärt, dann haben wir ein Problem. Denn dann sind eine Reihe von Leuten, denen man einen Experten-Button auf die Brusttasche pinnt, nicht mit der Definition in Einklang zu bringen. Sollte man aber mit einem Experten einen Menschen meinen, der lose informiert ist und diese Halbinformation dazu benutzt, halbgare Einschätzungen und binsenweise Ratschläge zu erteilen: Bingo. So würden Definition und Wirklichkeit Deckungsgleichheit ergeben.

Doch selten war eine Expertise so armselig und haarsträubend. Was der Mann via Qualitätsmedium seinem Publikum vorstellte war billigste Physiognomik. Natürlich aufgepäppelt für unsere Zeit. Und mit dieser Tour geht es nicht um Prävention, sondern um die Schulung des Blockwartgedankens, um Panikmache und die Durchsetzung paranoider Affekte im öffentlichen Raum. Ich bin ja, wie bereits gesagt, kein Experte. Aber dass der Mann kein Experte ist, das sieht man auch ohne Expertenauge. Im gewissen Sinne halte ich ihn für einen Terroristen. Er trägt den Sprengstoff als Paranoia vor sich her. Und so eine unsachliche Aussage kann ich freilich nur machen, eben weil ich kein Experte bin.

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