Land der abgedrehten Möglichkeiten

Sag noch einer, die Deutschen seien total verblödet. Sind sie eben nicht. Man kann ihnen halt doch nicht alles Mögliche vormachen. Neulich, da hat so ein dämliches Satireding, so eine Trittbrettfahrerseite, die meint, sie könnte vom Erfolg des »Postillons« profitieren … nun ja, da hat also so eine Seite vermeldet, dass Egon Krenz heißer Anwärter auf den Posten des Bundespräsidenten sei. Ich meine, der Mann hat bewiesen, dass er einer Untergangsgesellschaft vorstehen kann. Wieso also nicht? Einer, der diese Meldung bei Facebook geteilt hatte, erntete natürlich Kommentare. In denen fand sich Entwarnung, die Leute sind gar nicht so doof. Sie haben es gleich durchschaut. »Das ist doch nur Satire, oder nicht?«, sagten sie; »Spaß, oder?« meinten die Wortkargen. Die Deutschen, Dichter und Denker mögen sie nicht mehr sein. Aber ein bisschen Grips unter ihren Meningen haben sie schon noch. Oder?

Denn es war dieses Oder, das drei von fünf Kommentatoren am Ende ihrer Sätze anbrachten, das mir sagte: Na, so ganz sicher sind die sich alle nicht. Dieses Oder, das auch noch mit einem Fragezeichen ausstaffiert wurde. Nun bin ich fast davon überzeugt, dass diese Leute nicht alle aus dem englischen Sprachraum stammen, wo es zur Unterstreichung eines Satzes alter Brauch ist, eine Bejahung zu verneinen oder andersherum. Question Tags nennt man das in der Grammatik, aren’t they? Aber wie gesagt, das haben diese Leute nicht aus Anglophilie getan. Das war Verunsicherung. Man ist zwar weiterhin nicht so dumm, jeden Unfug für eine potenzielle Realität zu halten. Aber ganz sicher, nun ja, kann man sich das heute noch sein?

Da schwingt trotz gemimter Souveränität Unsicherheit bei manchem mit. Und wieso auch nicht, ich meine, was haben wir in den letzten Jahren für einen Wahnsinn erlebt! Schwarzgeldempfänger wurden Minister, die Sozialdemokratie wechselte den Namen und das ganze Personal – Frau Kipping steht ihr jetzt vor -, ein Räuberbaron ist US-Präsidentschaftskandidat, isn’t he? – und ein recht durchschnittlich begabter Pastor wickelte sich jetzt fünf Jahre lang sein Beffchen im Amtssitz des Bundespräsidenten. Kurz und schlecht, eigentlich ist nichts so ganz sicher, alles kann, nichts muss, vieles wird trotzdem. In den letzten Jahren sind Dinge geschehen, die man sich zuvor nicht mal imaginieren konnte. Dass man sich zum Beispiel zwischen 1998 und 2005 nach dem Kabinett Kohl zurücksehnte, weil man dessen soziales Profil und Gewissen so schätzte – unvorstellbar vorher. Oder die Stasi, die wurde als Stümpertruppe enttarnt, als ein aufgeblähter Apparat voller Trottel, die alle miteinander nicht leisten vermochten, was ein NSA-Angestellter mit drei Tastenklicks bei einem Schluck Kaffee erledigt. Über letztere schweigt man mittlerweile, die Stasi-Zentrale hat man für weniger gestürmt.

Man muss schon sagen, Egon Krenz als Bundespräsident, das ist dick aufgetragen, eine Spur zu hoch. Bundespräsidenten sind ja meist alte Knaben. Aber irgendwie strahlen die immer noch einen Funken Agilität aus, zumindest wissen es die Medien so darzustellen. Bei Krenz funkt es ganz sicher nicht mehr. Weil wir schon dabei sind, den jetzigen sieht man auch immer seltener. Na eben, der packt das nicht mehr und der ist noch drei Jahre jünger als sein ehemaliger Chef. Und dennoch, irgendwo ganz hinten im Kopf, dort wo man eins und eins addiert, da gibt es diesen Faktor, der einen zweifeln lässt. In dieser verrückten Zeit, da kann sogar an so einer Meldung ein bisschen was dran sein. Man ahnt zwar, es ist Satire, aber satirisch ist ja heute auch die schnöde Wirklichkeit. Satireformate erklären einem zum Beispiel Politik und werden zur Anstalt der Aufklärung und Nachrichten formen satirische Meldungen, um gewissen Interessen liebesdienerisch entgegenzukommen. Da bleibt immer so ein Rest an Es-könnt-ja-sein-Empfinden, da kann man noch so vernunftbegabt sein, ehe man sich versieht, setzen sie dir einen senilen Staatsratsvorsitzenden vor die Nase und sagen »Herr Präsident« zu ihm.

Wir sind echt zu einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. Mit Abstrichen natürlich. Wenn einer in der Patsche hockt, weil er keinen Job mehr findet, dann hat er sehr begrenzte Mittel und Möglichkeiten. Aber der Wahnsinn, der hat wirklich alle Chancen. Und er macht rege davon Gebrauch. An dieses Label unbegrenzter Möglichkeiten haben wir uns so sehr gewöhnt, dass wir selbst im Augenblick, da wir mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und wissen, »Nee, kann nich sein!«, immer noch mit uns ringen und kurze Nachfragen als Nebensätze hintansetzen. Vielleicht bestätigt ja einer, dass nicht sein kann, was eigentlich nicht sein kann. Dass man nicht spinnt, dass alles noch wenigstens einigermaßen kalkulierbar ist.

Noch merken wir, wenn was total hanebüchen ist. Haben ein gutes Gespür dafür. Sind nicht ganz verblödet durch die Entbildungsangebote da draußen. Ich bin überhaupt dafür, dass es Bundespräsident Stoiber mit der Bildung als großes, als zentrales Thema seiner Präsidentschaft versuchen sollte, ähm, mit ähm, weil das ja klar ist … ähm … da ludert die Flut, da gludert der Lot. Stoiber in Bellevue? Nee, oder? Das ist ein abgeschmackter Witz des Autors hier, oder nicht? Nun ja, die Christsozialen liebäugeln jedenfalls mit der Option. Sie lieben dieses Land der abgedrehten Möglichkeiten, don’t they?

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