Gabriel – so ein Hornknopf

Zierknöpfe zum Beispiel. Die braucht eigentlich kein Mensch. Rüschchen ja auch nicht. Dennoch haben sich solche Besatzartikel in unserer doch so funktionsorientierten Zeit erhalten. Moderne Hemden kokettieren in letzter Zeit wieder verstärkt mit Knöpfen, die nur hübsch aussehen sollen, aber nichts zusammenhalten. Auf dem Kragen, selbst im Nackenbereich zum Beispiel. Im Unterschied zum 19. Jahrhundert, in dem der Berufsstand des Posamentierers seine Blüte erlebte, ist solcher Zierat heute aber gar kein Ausdruck von Wohlstand mehr. Seinerzeit musste man ja auch für so einen Hornknopf tief in die mit Quasten bestickten Taschen greifen. Heutige Knöpfe sind Sand am Meer und wie Sandkörner auch gar nicht mehr einzeln zu greifen. Der jedenfalls, der was auf sich hielt, der zierte sein Revers mit einem Posament oder gleich mehreren. Spitze, Franse, Hornknopf. So war das damals. Für jedem schlechten Geschmack war was dabei.

Noch heute findet man diese Relikte in der Mode. Nicht mehr so üppig, man braucht seinen Wohlstand heute nicht mehr kleidsam betonen. Es gibt ja auch nicht mal mehr einen Wohlstandsbauch bei reichen Leuten, den man zieren könnte. Dick sind eher die Armen. Was Gründe hat. Auf dem Ärmel eines Sakkos findet man solche Atavismen noch immer. Dort sind in der Regel reihenweise Knöpfe vernäht, die gar keine Funktion besitzen. Sie sind da und offenbar gehört sich das so. Bill Bryson hat übrigens in seiner »Kurzen Geschichte der alltäglichen Dinge« ziemlich unterhaltsam solche atavistischen Überbleibsel aufgestöbert und erklärt.

Die Sozialdemokraten, nun ja, wie soll man das vergleichen? Sagen wir es halt mal so, wie es ist. Die Sozialdemokraten, die sind ein bisschen wie Hornknöpfe. Nun, nicht die Idee einer sozialdemokatischen Partei an sich. Die ist gut, immer noch modern und funktionell, besser gesagt: Sie würde richtig ausgeführt Funktion erfüllen. Aber dieses Theater, dem sie sich momentan aussetzen, wenn sie über ihren Kanzlerkandidaten salbadern. Solange die Damen und Herren sich inhaltlich nicht bewegen und sich somit der Bundeskanzlerin weiterhin ausliefern, ist doch diese K-Frage ein Posament, das heute überhaupt keiner mehr benötigt, wie so eine seltsame Zeile aneinandergereihter Knöpfe auf dem Hemdkragen: Sieht für manchen nett aus, würde aber nichts machen, wenn sich die Naht löste und die Dinger fielen zu Boden.

Ob Schulz, die Quaste oder dann doch Gabriel, dieser Hornknopf, das ist doch letztlich keine existenzielle Frage für diese, für eine in dieser Art und Weise geführte Sozialdemokratie. Das sind doch Atavismen, die man bedient, weil man das halt früher so handhabte. Es sind Traditionen und Besatzstücke, die in einer anderen Zeit unter anderen Vorzeichen mit einer anderen Leitlinie mal Sinn ergeben haben, aber in der Gegenwart sinnlos geworden sind, so man nicht dafür sorgt, dass sie wieder Sinn bekommen. Wie ein Posamentensticker heute sinnfrei Knöpfe an den Sakkoärmel stickt oder besser gesagt, die Maschine überwacht, die an der Stelle näht, so benehmen sich diese Sozialdemokraten seit Jahren.

Das ist doch Folklore. Solange man Politik macht, wie es der Union unter Merkel vorschwebt, solange muss man doch keinen sozialdemokratischen Kanzler wählen. Da kann man das Original nehmen. Warum also die ganze Energie bündeln, um über Kandidaten zu spekulieren, die so oder so keinen Wert im Dreißigerbereich erlangen werden? Aber es gehört sich halt so, nicht wahr. Demokratie braucht das und so. In der überwundenen Demokratie, in der Ritual- oder Postdemokratie, reicht es hingegen schon völlig aus, wenn man demokratische Grundelemente als atavistisches Relikt pflegt. Ein bisschen den Hornknopf putzen. Sinnvoller wäre es jedoch, man würde sich diese Sozialdemokraten mal vorknöpfen.

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