Ein Beitrag zum Unglück der Welt

Unangemessene Sprache. Wenn mich jemand fragen würde, woran es so richtig hapert heutzutage, dann würde ich sagen, es hapert unter anderem an der Sprache. Daran, dass sie zuweilen so unangemessen benutzt wird. Mich fragt aber keiner, deswegen schreibe ich es hier. Über die unangemessene Sprache rechts drüben müssen wir nicht diskutieren. Dahinter ist alles unangemessen. Das Weltbild, die Absicht, die Umsetzungsvorhaben. Da ist Sprache nur die akustische Syntax, eine verbale Fotographie. Sie ist insofern nicht unangemessen, sondern dem gesamten Agens angemessen. Ich meine die unangemessene Sprache bei Dingen, hinter denen eine gute Absicht steht. Was mir dabei beispielsweise immer wieder begegnet, das ist das Konzentrationslager, das Hartz IV angeblich ist. Bei aller Symapathie mit denen, die Hartz IV den Kampf angesagt haben, aber das ist unangemessen. Und das sage ich nicht aufgrund moralischer Bedenken. Sondern aus praktischer.

Natürlich verbittert es einen, wenn er in Hartz IV steckt. Ich habe das ja selbst lange genug erlebt. Die Welt in Hartz IV sieht anders aus als draußen. Und wer am Arbeitsmarkt einen windigen Job ohne Rechte innehat, der strahlt auch nicht vor Freude, kommt sich vor wie ein Sklave. Das ist auch so ein unangemessener Terminus, der mit oft begegnet. Also dass wir alle Sklaven seien. Es ist nicht so, dass ich diese sprachlichen Unangemessenheiten nicht auch schon verwendet hätte. Ich habe sie ja sogar niedergeschrieben. Wenn der Arbeitsvermittler zweimal klingelt, dann entsteht schon ein wenig das Gefühl, dass man da interniert ist, von einem Schergen mit verstecktem Totenschädel auf der Kappe drangsaliert wird. Es ist ja auch Unrecht, was da geschieht. Aber nicht jedes Unrecht ist gleich das Unrecht, dass sich seinerzeit ereignete. Da müsste man differenzieren. Was schwer ist, wenn man in der Abwärtsspirale dieses Systems steckt.

Ich hege da nun keine Bedenken, weil der Vergleich mit dem Konzentrationslager vielleicht den Holocaust verhöhnt oder sogar entwertet. Vergleiche sind völlig in Ordnung. Was mich daran stört ist nicht die Moral. Die kommt eh erst nach dem Fressen. Was stört, das ist, dass solche Vergleiche unpraktisch sind. Ja, dass sie hemmend und kontraproduktiv wirken. Sie stossen Menschen, die außenstehend sind und die vielleicht ein wenig Verständnis erübrigen könnten, ab. Wahrscheinlich auch nicht, weil sie Moralisten sind. Sondern weil eine Aussage, wie jene, man würde in ein Konzentrationslager Gesteckter sein, irgendwie dramatisch und auch übertrieben wirken. Oh, nein, für einen, der das erlebt, ist das nicht übertrieben. Für Betrachter aber unter Umständen schon. Es irritiert sie. Sie ahnen eventuell schon, dass Hartz IV ein schweres Los mit viel kalkulierter Ungerechtigkeit ist, dass das Gerede von fehlender Leistungsbereitschaft und Faulheit nicht stimmt. (Mittlerweile haben das viele Menschen kapiert.) Aber die dramatische Einschätzung, ja, die dramatistische Einschätzung überhaupt, die halten sie nicht für deckungsgleich und für überzogen.

Auch so mit der sklavischen Einschätzung, die ich oben schon angerissen habe. Niedriglöhnern und geringfügig Beschäftigten mangelt es in der Praxis sehr häufig an gleicher Behandlung, an Rechten und Standards. Man enthält ihnen bezahlten Urlaub vor oder verlangt ihnen die totale Mobilmachung ab, das heißt: Flexibilität und Mobilität. Das mit der totalen Mobilmachung, das finde ich als Begriff angemessener. Den Sklaven aber nicht. In diesem Falle ebenfalls nicht, weil man damit richtige Sklaven in Indien oder wer weiß wo verspotten würde, sondern aus einem anderen Grund. Denn der Sklave als Einschätzung der (eigenen) Lage verurteilt zur Tatenlosigkeit, zeigt einen ungesunden Fatalismus an. Nun, ich gestehe, auch ich habe das schon behauptet. Heute würde ich das nicht mehr so handhaben. Nicht mehr so schreiben. Umgangssprachlich ist das wieder was anderes. Wenn ich jemanden von meiner Lage auf Arbeit berichte und eröffne ihm, dass ich Sklave sei, dann guckt er doch bloß irritiert und hält mit für jemanden, der unsachlich ist, der sich in Polemik übt.

So jedenfalls habe ich es sehr oft erlebt, wenn ich über skandalöse Gegebenheiten mit Ungestüm und Leidenschaft sprach. So ködert man die Leute nicht für seine Sache. Wenn heute Plattformen wider Hartz IV mit Lagervergleichen kommen – und das kommt in den Weiten des Netzes vor -, dann trauere ich der vergebenen Möglichkeit nach, doch jemanden damit erreichen zu können. Je dramatischer die Beschreibung, so meine Erfahrung, desto eher winken die Leute ab und sagen: Unsachlich, kann man nicht glauben, so schlimm wird es schon nicht sein. Und so schlimm ist es ja auch nicht. Ein Konzentrationslager bedeutete ja auch Fetzen am Leib, kaum Essen, Schläge, Vernichtung durch Arbeit. Das passt mit Hartz IV nun nicht ganz zusammen.

»Wer die Dinge beim falschen Namen nennt«, so glaubte Albert Camus, »trägt zum Unglück der Welt bei.« Das Zitat liest man gelegentlich, wenn Mächtige die offizielle Sprache euphemisieren. Wenn sie zum Beispiel von Kollateralschäden sprechen und damit verschleiern, dass es um tote Familienväter, -mütter, Kinder, Großeltern geht. Wer sprachlich nicht erfasst, was geschieht, der macht in Sachen Unglück. Aber der Spruch ist auch treffend für all jene, die als Betroffene unangemessene Sprache einsetzen. Wer die Dinge beim falschen Namen nennt oder sagen wir es so: Wer die Dinge mit den falschen Namen vergleicht, der trägt zum eigenen Unglück und zum Unglück seiner Weggenossen bei.

Vor einiger Zeit hat Slavoj Zizek das Phänomen Pokémon-Go philosophisch erfassen wollen. In seinem Aufsatz verglich er, vereinfacht gesagt, die Jäger solcher Pokémons mit den Häschern, die die Juden verfolgten. Er fand das vielleicht originell und hat da Übereinstimmungen gesehen. Aber nicht jede Hasenjagd ist eine Shoa. Das war wieder mal so eine vergebene Chance. Die rationaleren Leute winkten ab und hießen ihn einen Spinner, der übertreibt. Die anderen verglichen ihn mit einem Nazi und waren auch nicht besser als der Verfasser der Pokémon-Kritik. Wer nicht angemessen spricht, der disqualifiziert sich. Wenn das ein Philosoph tut, scheißegal, sein nächster Text kommt bestimmt. Wenn es die Ärmsten der Gesellschaft tun – wieviele Chancen haben sie, um zu sensibilisieren und Verständnis zu erlangen?

Auch wenn es schwer ist, mit sachlicher, nüchterner und nicht zu emotionalisierender Sprache erreicht man die Menschen leichter. Was nicht heißt, dass es dann ein Leichtes würde, die Situation zu verändern. Das wäre mein Ratschlag. Eine Sprachwahl der Unangemessenheit jedenfalls, die ist ein bisschen wie ein Konzentrationslager, in das man sich steckt. Trefflicher wäre aber der Vergleich mit der Isolationshaft.

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