Die Schreie der Armen sind nicht immer gerecht

Nun kann man über Antje Hermenau denken was man will. Man muss sie nicht mal kennen. Einen »Totalabsturz« hat sie indes vermutlich aber nicht erlitten. Das haben der Ex-Grünen allerdings einige unterstellt, weil sie sich mit Bürgerinnen und Bürger traf, die sich in der AfD »engagieren« – die taz berichtete. Mit denen redet man nicht, heißt es zuweilen. Habe mich auch schon ertappt, dass ich so dachte und handelte. Letztens erst im Bus, als ein Teenager mit einer verhärmten Alten stritt, weil die laut und deutlich ihrer AfD-Begeisterung frönte. Ich sagte dem Jungen, das bringe nichts, sie sei ihm geistig nicht gewachsen und machte es mir und ihm so recht einfach. Nun gut, im Bus ist auch ein denkbar ungünstiger Ort für solche Dialoge. Aber wenn man ehrlich ist: Natürlich muss man mit diesen Leuten sprechen. Das ist zuweilen unappetitlich. Doch welche Optionen gibt es denn? Über das Phänomen rechtsverrückter Bürger mosert man jetzt im (eher) linken Spektrum seit mehr als einem Jahr. Schmähung, Maulkörbe all so was gibt es von dort als Ratschlag. Wenn das die Lage entspannt, sagt mir Bescheid, dann mache ich auch mit.

Hermenau tat doch im Grunde das Richtige. Man kann über die Modalitäten sprechen, darüber ob man nun an einem Stammtisch dieser Leute sitzen möchte oder nicht. Aber den Dialog zu suchen, daran führt doch aus der linken Perspektive betrachtet gar kein Weg vorbei. Die Basis dieser Partei gibt doch immer wieder an, sich übergangen und abgehängt zu fühlen. Wenn man sie jetzt politisch bekämpft, indem man dieses Anti-Verhalten einfach verschärft, kriegen wir die irrationalen Ängste und teils durchaus berechtigten Sorgen dieser Leute doch niemals mehr in den Griff. So schweißt man sie nur noch mehr an diesen neuparteilichen Wahnsinn.

Rechtsruck nennen das nicht wenige, wenn Politiker aus (eher) linken Parteien nicht über die Argumente der AfD-Wählerschaft hinweggehen. Sarah Wagenknecht hat sich dafür eine Torte im Gesicht eingehandelt. Ein kindlicher Spaß, für den es aber vermessenen Applaus gab. Wahrscheinlich gibt es bald wieder Kuchen von dekadenten Kindern, die mit Essen werfen, wo andere sparen müssen und das dann eine linke Maßnahme nennen. Nach ihrem Gespräch mit Frauke Petry ist das ganz sicher vorprogrammiert. Jemand aus der Linken sollte bloß nicht auf die Idee kommen, vermeintliche AfD-Themen anzufassen. Das ist die Botschaft hinter solchen Torten. Man musste ihrem Rechtsruck doch schließlich Einhalt gebieten. Bestimmten Leuten, auch in ihrer Partei, wäre es lieber, wenn man die AfD kontaktlos bekämpfte, wenn man so täte, als gäbe es dieses Phänomen und die Gründe ihrer Existenz gar nicht. Mit Scheuklappen weiter so. Jede Richtung scheint irgendwo sein ganz eigenes »Weiter so!« zu haben. Man braucht keine Rautenträgerin im Hosenanzug um eine solche Parole ganz individuell zu interpretieren.

Wer zuhört, so muss man das mal klar und deutlich sagen, der bekämpft die AfD von links. Manches von dem, was man da zu hören bekommt, das ist freilich Unfug, so wie der Quatsch, den dieser Besoffene dem Bautzener Bürgermeister verklickert hat, irgendwas von »Negern«, die »schon als Achtjährige mit Speeren auf Löwen« zulaufen würden und die nun »deine Angela Merkel bei uns reinlässt«. Aber man wird auch halbwegs Nachvollziehbares zu hören bekommen, vielleicht nicht immer vernünftig, wahrscheinlich einseitig vorinformiert, aber eben nicht ganz falsch. Sich von links hinstellen und Flüchtlinge willkommen heißen, das mag eine nette Geste sein, aber politische Realismus ist das nicht. Klar können die sozialen Netze keinen grenzenlosen Zuzug stemmen. Was aber ohnehin ja kein Thema mehr ist, der Flüchtlingsstrom ist versiegt. Es wird ja wieder verstärkt ertrunken. Oder dann so Sätze wie »Wir sind so eine reiche Gesellschaft, da können wir gerne mal mit Flüchtlingen teilen« – das ist doch für viele der Abgehängten der Austeritätpolitik im Inneren ein unerträglicher Hohn, kein Wunder, dass die mit der Wahl einer Partei protestieren, die sich ganz bewusst als Protestpartei aufstellt und mit provokanten Einwürfen kokettiert. Dass die so unsozial weitersparen will, wie die etablierten Parteien, merkt diese Leute gar nicht – oder eben erst zu spät.

»Die Schreie der Armen sind nicht immer gerecht, aber wenn wir nicht auf sie hören, werden wir nie wissen, was Gerechtigkeit ist«, hat der US-amerikanische Historiker Howard Zinn mal im Vorwort seiner »Geschichte des amerikanischen Volkes« geschrieben. Er zitierte sinngemäß einen Professor, der ihn in jungen Jahren begleitet hatte. Diesen Satz sollten sich die Progressiven auf die Fahnen schreiben. Wer nicht zuhört, der ist nicht gerecht und auch nicht an einer Wiederherstellung von Gerechtigkeit interessiert. Verständnis für AfD-Wähler muss man ja nicht haben, aber Verstehenwollen wie sie dazu werden, das ist guter und richtiger Ansatz. Man muss die Faschisten ja nicht gleich küssen, wenn man sie trifft. Und wenn man dann Probleme anspricht, die es ja durchaus mit Flüchtlingen gibt, dann ist das kein Rechtsruck, kein Sichtreibenlassen von den Rechten, sondern eine Sache der Gerechtigkeit.

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