Von September zu September

Das war ein Paukenschlag: Nur 42 Prozent der Bundesbürger wollen eine vierte Amtszeit der Bundeskanzlerin. Anders gesagt: Von den etwa 62 Millionen Wahlberechtigten, möchten nur etwa 26 Millionen die Frau weiterhin im Kanzleramt wissen. Wenn das schon als Paukenschlag taugt, wenn das schon die Schriftentlehrten dazu bewegt, ihre Kommentare in Abgesangstexte umzuformen, was hätten sie im September 2013 sagen sollen? Seinerzeit wollten nur ein bisschen was über 18 Millionen Wahlberechtigte Frau Merkel als Bundeskanzlerin sehen. Und was war? Man feierte das als den großen Erfolg ihrer Politik, die Kommentatoren bewunderten den langen Atem dieser Politikerin. Dass da nur 29 Prozent der potenziellen Wähler sich indirekt für sie aussprachen, das brachte niemanden auf den Gedanken, dass da eine Mehrheit genug von ihr hätte. Stimmte das und es wären wirklich »nur« 42 Prozent für sie, dann ist das kein Abgesang, sondern gar noch ein Gewinn.

Nun gut, die hier aufgemachte Rechnung kann man so nicht unterschreiben. Denn nicht 42 Prozent aller Wahlberechtigten sind noch für Merkel, sondern 42 Prozent derer, die bei einer Emnid-Umfrage im Auftrag der »Bild am Sonntag« teilnahmen. Es sind also 42 Prozent einer Promillezahl an Wähler für eine Weiterführung dieser Kanzlerschaft. Nehmen wir kulanterweise mal an, dass diese Handvoll Leute bunt gemischt war, um als repräsentativ gelten zu können. Wenn man das so sieht, dann muss man festhalten: Es hat sich gar nichts, aber auch wirklich gar nichts geändert. Knapp 42 Prozent aller abgegebenen Zweitstimmen des September 2013 galten den Unionsparteien und damit ihrer Spitzenkandidatin. Man geht nach Wahlen ja gemeinhin davon aus, dass die, die tatsächlich zur Urne kamen, als repräsentativ für alle potenziellen Wahlberechtigten anzusehen sind. Deswegen werden ihre Stimmen als 100-Prozent-Grundwert herangezogen. Emnid rechnet es gewissermaßen genauso hoch. Nur mit einer wesentlich kleineren Basiseinheit. Aber das Prinzip ist dasselbe. Und auch Emnid kommt also auf den Wert von 2013.

Wie nennt man das noch gleich? Ach ja: Politischer Stillstand. Das ist der Abgesang, den sie der Merkel singen. Es hat sich kaum etwas verändert. Die Fanbase ist dieselbe wie vor drei Jahren. Der September 2016 verspricht dieselben Werte wie es der September 2013 bereits manifestierte. Aber die Nachrichten überschlagen sich, kündigten den Anfang vom Ende an, bewerteten dieselben Zahlen völlig anders. Dieselbe Zahlenkonstellation war vor drei Jahren ein Freudenmeer in Orange, »An Tagen wie diesen« schmetterte eine Riege ungelenker Minister und eine völlig unryhthmische Kanzlerin. Man kann gut albern sein, wenn man als Gewinner gilt. Und das war man ja auch vor Augen der Presse. Konkurrenz gab es für sie keine mehr. Sie war alternativlos. Ob das gut oder schlecht sei, bewerteten die Journalisten verschieden. Aber dass sie den politischen Rivalen den Boden unter den Füßen weggezogen hatte, das war klar. Selbst die faktische Mehrheit von Rot-Rot-Grün änderte an der Stimmung nichts. Man wusste ja, die SPD und die Linke – das war keine Gefahr, man musste nur warten, Gabriel würde schon ein Angebot machen. Und so war es dann ja auch.

Und nun meldet eine Umfrage, dass es weiterhin 42 Prozent Rückhalt sind, verkündet aber mit Worten, die nicht das Konstante betonen, sondern schreibt »nur noch« und schon springen alle mit auf den Zug, der in die Kanzlerinnendämmerung fährt und erklären den Lesern, dass nur noch eine Minderheit diese Frau haben möchte. Wahrscheinlich dieselbe Minderheit wie 2013. Nein, wir haben hier in Wirklichkeit Stillstand. 42 Prozent, die wir schon vor drei Jahren hatten. Und wir haben Journalisten, die sich ihres Verstandes nicht unbedingt gerne bedienen. Auch das hatten wir schon vor drei Jahren. Stillstand halt. Alles wie 2013. Auch an Tagen wie diesen.

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