Unschlagplätze

Zwei Herren stiegen auf Höhe der »Frankfurter Allgemeinen« in die Linie 21 ein. Sie unterhielten sich geschäftig, ein bisschen so, wie es Wichtigtuer gerne haben, wenn sie ihre Sachlichkeit mit hochtrabender Ernsthaftigkeit garnieren. Sie sprachen von der Korruption, die es bei uns hier nicht gäbe, schließlich lebten wir in Deutschland. Das konnte echt kein Zufall sein, denn deren Gespräch klang wie der Kommentarteil jener Tageszeitung, auf deren Höhe sie sich in die Tram hievten. Dort liest man auch viel vom Glück, das uns widerfahren sei, nicht in Griechenland unser aller Dasein fristen zu müssen. Wie nennen die Griechen noch gleich diese Umschläge, in denen Schmiergeld steckt?, fragte Schnösel Nummer eins den Schnösel Nummer zwei. Ihm läge es auf der Zunge. Irgendwas mit K. Der andere zuckte mit den Achseln und wies darauf hin, dass man mal nach Afrika oder Südamerika schauen müsse. Nur Bananenrepubliken, ohne Schmierage machen die keinen Staat.

Wie gesagt, das klang wie die Selbstgerechtigkeit aus konservativen Druckerzeugnissen. In denen kehrt man vorzugsweise das hiesige Recht mitsamt Ordnung heraus, indem man das zügellose Chaos in der Fremde besonders nachdrücklich betont und es als Angriff auf das deutsche Wesen, dem einzigen Hoffnungsschimmer auf Erden immerhin, umschreibt. Der konservative Leser braucht das. Zur Beruhigung. Bei all der Angst, die ihm das Leben so bereitet, soll er wenigstens wissen, in einem ansonsten geordneten Staatswesen zu leben. Seine Furchtsamkeit ist also nicht ganz umsonst, er hat ja schließlich auch was zu verlieren.

So weiß er zum Beispiel, dass Korruption eine Sache aus fernen Gefilden ist, die Griechen sind ja eher schon Afrikaner als Europäer, nicht wahr? Bei Italienern verhält es sich nicht so viel anders. Ohne unterstützenden Anreiz in Form einer Zahlung passiert dort bekanntlich ja auch nichts. Nachhelfen ist dort geboten. Ob als Bürger oder Unternehmer, wer den Entscheidern nicht bei ihrer Entscheidung hilft, dem hilft vielleicht mit etwas Glück noch Gott. Aber sicher kein Mensch mehr. In Deutschland ist das freilich undenkbar. Deutschland liegt ja auch recht gut im tabellarischen Ranking von »Transparency International«. Im vorderen Feld. Wenn das mal kein Beleg ist. Die meisten Nordeuropäer sind dort oben zu finden. Dort scheint wohl der Filz Geschichte, man hat es offenbar geschafft, den historischen Auftrag ein antikorruptes Staatswesen zu installieren, endgültig Wirklichkeit werden lassen.

Das wäre schon schön. Aber machen wir uns doch nichts vor, so wie die zwei FAZkes in der Straßenbahn. Wir sind, Ranking hin oder her, eine hochgradig verfilzte Gesellschaft, die sich ein korruptes Wirtschaftssystem wie unseres nicht nur leistet, sondern auch aktiv anstrebt. Wir haben unsere Fakelaki – so heißen die Umschläge in Griechenland nämlich, nichts mit K, ihr Koryphäen aus Linie 21! – nur so arrangiert, dass man sie nicht mehr verschämt überreichen muss. Ja, man könnte auch sagen: Wir haben schon das nächste Level zur plumpen Bestechung erreicht, wir haben es sublimiert, eine höhere Ebene erlangt. In den meisten Gegenden dieser Welt ruckeln man – korruptionsmäßig betrachtet – noch mit einem von Eseln gezogenen Fuhrwerk über einen Trampelpfad. Hier aber fährt man C-Klasse – mit getönten Scheiben auf vierspurigen Straßen. Fortschritt ist im neoliberalen Komplex eben nicht, dass sich was verbessert. Fortschritt ist dort im Gegenteil, wenn sich das Schlechte verfeinert und raffinierter gibt.

Umschläge sind doch rückständig. Umschlagplätze sind hier und heute nicht die dunkle Ecke, in der man wortlos schnell Anreize einsteckt. Sie liegen an der Quelle. Meist in lichterfüllten Glasbauten. Bei uns hocken die Repräsentanten von Konzernen gleich mit in den Amtsstuben, fertigen Anwälte großer Unternehmen Gesetzesentwürfe für überlastete Juristen aus Ministerien an oder höhere Führungskader der Privatwirtschaft schnuppern in ministerielle Büros hinein, damit die Wirtschaft die Politik besser begreift – und vor allem andersherum. Mittlerweile ist es keine Seltenheit mehr, dass ein Mitarbeiter eines Unternehmens über einen längeren Zeitraum gleichzeitig inoffizieller Mitarbeiter eines Ministeriums ist, um dort sein Know-How anzubieten, wie es euphemistisch heißt. Manches dieser janusköpfigen Dienstverhältnisse erstreckt sich mittlerweile über einen langjährigen Zeitraum.

Die Korruptionsquote ist in Deutschland ja auch relativ niedrig, weil sie durch Regierungsprogramme wie »Moderner Staat – moderne Verwaltung« reglementiert und kanalisiert wird. Mit solchen Programmen wird geregelt, wie Angestellte aus der Wirtschaft, die in Ministerien arbeiten und bei Gesetzesentwürfen mitwirken dürfen, zu händeln sind. Ihr Gehalt bekommen sie freilich weiterhin von ihrem Arbeitgeber aus der Privatwirtschaft überwiesen. Das spart dem Land Geld. Und gleich noch demokratisch bedingte Handelshemmnisse. Das kann freilich keine in Rankings zu erfassende Korruption sein, weil das Gesetz immer Legalität darstellt, auch wenn es das auch bloß Gesetz von Räuberbaronen ist. Was jetzt Gesetz ist, kann doch kein Unrecht sein. Und was kein Unrecht sein kann, wird eben auch nicht in Statistiken aufgeführt, die unrechtes Verhalten dokumentieren sollen.

Auch ein Grund, warum die leistungsfähigen Wirtschaftssysteme der nördlichen Hemisphäre als eher korruptionsunanfällig gelten: Sie haben die Korruption einfach in ein legales Korsett geschnürt. Wer dann besticht, manipuliert, beeinflusst und gezielt falsche Grundinformationen streut, der korrumpiert nicht, der betreibt Wirtschaftspolitik mit allen erlaubten Mitteln. Insofern werden uns die Freihandelsabkommen, die jetzt kommen werden, keine Verschlechterung bringen. Da sind Profis am Werk, die sich darauf spezialisiert haben, die Korruption ihrer Wirtschaften zu verschleiern. Auch die ökonomisch starken TTIP-Staaten werden ganz gut abschneiden im Ranking von »Transparency International«. Da ändert sich wenig. Die wissen ja bereits, wie man Umschläge umgeht und Umschlagplätze einrichtet für den fröhlichen Austausch von Partikularinteressen zur Grundlage staatlicher Interventionen.

Die beiden Schnösel aus Linie 21 haben etwas durcheinandergebracht. Mit einer sich angeeigneten Meisterschaft in einer Sache, macht man sich gegenüber Korruptionsschülern wie den Fakelaki-Austeilern, nicht etwa zu Bessergestellten, zum besseren Staatswesen, sondern zu gewiefteren Haluken. Kleine Betrüger werden nicht etwa größer, weil man seine eigenen Gaunereien verschmitzter abwickelt. Sie schrumpfen eher noch. Einen mit Umschlag kann man ertappen. Die, die in diesem Land hier keine Umschläge mehr benutzen, die es handhaben wie oben angedeutet, die erwischt man eher nicht. Kleine Betrüger erträgt man also leichter als die Meister des Fachs. Fakelaki kann man bekämpfen. Moderne Korruption hingegen ist fast unantastbar geworden.

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