Ultimativer Konformist

Sigmar Gabriel hält die Pläne das Renteneintrittsalter auf 69 zu erhöhen für eine »bekloppte Idee«. Er sehe das wie »ein Facharbeiter, eine Verkäuferin, eine Krankenschwester, eine Altenpflegerin«. Solche Einfälle könnten auch nur Besserverdiener haben, schlußfolgerte er. Klingt echt gut, der Mann hat sein soziales Gewissen also doch nicht verloren, er hat es nur verlegt und irgendwo zwischen seinen Socken wiedergefunden, oder etwa nicht? Ach was, man muss das nicht überbewerten. Wenn man weiß, wo Gabriel unterwegs war, als er synchron dazu dieses Statement formulierte, dann weiß man auch, warum er sich so äußerte: In Gelsenkirchen. Er sprach dort mit und vor den Menschen aus dem Revier. Bürgersprechstunde halt. Mit Malochern und solchen, die es mal waren und mit etwas Glück vielleicht heute noch sein können. Mit Facharbeitern, Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Altenpflegerinnen. Wer diesen SPD-Vorsitzenden verstehen will, sollte sich mal Woody Allens »Zelig« angucken. Der ist auch so ein menschliches Chamäleon.

Leonard Zelig ist ein echt unsicherer Typ. Irgendwann kompensiert er das, indem er sich gegenüber anderen Menschen, in deren Umgebung er sich befindet, mental und pyhsisch anpasst. Steht er mit einer Gruppe dicker Rabbis beisammen, wird er augenblicklich dick, ihm wächst ein Bart und er äußert sich wie ein Gelehrter. In einer Opiumkneipe wird er zum Chinesen. Kaum läuft ihm ein Mobster über den Weg und er unterhält sich mit ihm, benimmt er sich wie Capone, steckt in Nadelstreifen und trägt Schmiss wie Scarface. Zelig ist ein kranker, ja ein unglücklicher Mann. Er hat keine Identität. Er passt sich einfach an, um akzeptiert zu werden. Als die Öffentlichkeit von diesem Phänomen erfährt, nennen sie ihn ein menschliches Chamäleon. Das erinnert doch sehr an den amtierenden Sozi … ach was, wenn wir jetzt schon dabei sind, von »Zelig« zu sprechen, sei nochmal erwähnt, dass sich dieser Film lohnt. Allen hat ihn als fiktive Dokumentation verfilmt. So wirkt es, als habe in den Zwanzigern tatsächlich ein Mann dieses Namens mit dieser psychisch-physischen Erkrankung gelebt. Susan Sontag, Saul Bellow und Bruno Bettelheim treten als sie selbst auf und geben sich als Weggenossen Zeligs aus. Wenn Sontag Zelig analysiert, da muss man fast glauben, dass er eine historische Gestalt war. Bettelheim nennt das Chamäleon in einem Einspieler den »ultimate conformist«. Das trifft es besser als die reptilhafte Animalisierung von Zeligs Krankheit.

Zurück im Plot, »Zelig« ist was für abends, diesem Text jedoch gehört der Vormittag. Wir müssen uns einen ultimativen Konformisten heute eher so wie Sigmar Gabriel vorstellen. Spricht er vor Malochern, ändert sich die Rhetorik, er entdeckt, wie schwer es ist, seinen Lebensunterhalt von seiner Hände Arbeit zu bestreiten, nennt Elitarismen bekloppt, stemmt seine Hände in die nicht vorhandenen Hosenträger, hemdsärmelig kommt er auf die Leute zu, reviert über die »Schwatten«, findet seine Sprache als Kumpel wieder und passt sich dem Milieu an. Wie Zelig behält er diese Identität einen Moment lang. Bis er auf die nächste Gruppe trifft. Auf einen Arbeitgeberverband, der zur festlichen Rede geladen hat. Jetzt spürt er den Druck von angeblichen Verantwortungsträgern, die Last der Entscheider, er wird betriebswirtschaftlich, Leistung muss sich wieder lohnen, Sozialstaat hemmt, er trägt den Schlips eng, das Sakko behält er an, sein Deutsch ins vornehm hannoveranisch mit Anglizismen versetzt. Ganz angepasst steht er zwischen Managern und man könnte meinen, er war immer einer von ihnen.

Ist er unsicher wie Zelig? Darauf müssten Fachleute antworten. Wahrscheinlich ist er einfach nur Machtpolitiker. Deshalb finde ich es kaum einer Meldung wert, wenn er Rentenpläne der Konservativen für bekloppt hält. Als er das sagte, stand wahrscheinlich ein Gelsenkirchener neben ihm, der sein Leben mit Arbeit finanziert. Wäre Matthias Müller von VW neben ihm gestanden, hätte er laut ins Mikrofon gerufen, dass er das immer schon gesagt habe, wir lebten ja auch schließlich länger und warum soll es nicht auch möglich sein, auf dem Bau noch Tätigkeiten zu verrichten, die man als alter Mann noch leisten kann. Und dann wäre er zwischen den beiden Vorstandsvorsitzenden verschmolzen, hätte sich wie ein Chamäleon angepasst und das Freihandelsabkommen als blendende Chance postuliert, um leichter von Woody Allen gerichtlich Entschädigung nach deutschem Urheberrecht zu erwirken. Und ehe er sich versieht, hätte dann der kleine Plagiator aus Hollywood keinen Fahrerlaubnis mehr.

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