Wenn ein WELT-Journalist sich am Chlorhuhn verschluckt

TTIPOffener Brief

In der WELT ist ein Artikel zum Thema TTIP erschienen, der mir kalt über den Rücken lief. Statt mich im stillen Kämmerlein darüber aufzuregen, habe ich einen offenen Brief an den Autor Dirk Schümer geschrieben.
Jetzt geht es mir zumindest ein bisschen besser.

Lieber Herr Schümer,

Dirk Schümer, so viel Zeit muss sein. Sie haben einen Artikel geschrieben, der wohl nicht nur mir die Schuhe ausziehen dürfte. Denn Ihr Rundumschlag ist – um im Bild zu bleiben – so grenzüberschreitend, dass jeder halbwegs vernünftige Mensch sich angesprochen und herabgesetzt fühlen muss.
Ihr Stück trägt den Titel „Wer gegen Freihandel ist, ist gegen die Vernunft“. Womit Sie schon eindrucksvoll die Schlichtheit Ihres Denkens zur Schau stellen. Was aber noch viel erschütternder ist: Sie reduzieren die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta auf den freien Handel, auf die wunderschöne Welt der vielen, neuen und tollen Arbeitsplätze und bringen es fertig, flüchtende Menschen mit Chlorhühnern zu vergleichen.

Und überhaupt: Chlorhühner. Die haben es Ihnen echt angetan. TTIP-Gegner sind für Sie die, die keine Lust auf Chlorhühner haben und deshalb handeln wie die Idioten. Allerdings, Herr Schümer, spricht kaum noch ein TTIP-Gegner über diese Hühnchen, da mögen Sie sich noch so hahnenhaft aufplustern. Sie argumentieren gewissermaßen gegen die graue Vorzeit der TTIP-Kritik, die längst zur Nebensache geworden ist. Den Gegnern der Freihandelsabkommen geht es um die Furcht vor grenzen- und nahezu gesetzlosem Raubtierkapitalismus (ich bin mir sicher, dieses Wort schmeckt Ihnen überhaupt nicht). Es geht ihnen um die Aufweichung und Abschaffung von Verbraucherschutz, um die neue Macht von Unternehmen, die Staaten mir nichts Dir nichts verklagen können, wenn Märkte nicht in ihrem Sinne gestaltet werden. Und es geht um all diese Dinge, die wir sowieso nicht erfahren, weil sie im Geheimen verhandelt werden, gänzlich ohne Mitbestimmung oder auch nur Informationen darüber, was da geschieht. Und Sie hauen uns gefühlte 800 Mal in Chlor gebadete Hühner um die Ohren. Nein, Herr Schümer, so geht das wirklich nicht.

Dann holen Sie die gute alte „Gibt-es-denn-nichts-Wichtigeres“-Keule raus. Schließlich gebe es auch noch die Eurokrise, die Syrien-Krise, die Ukraine-Krise und die Erderwärmungskrise. Die sind wirklich wichtig, schreiben Sie. Dazu sei angemerkt, dass der von Ihnen so rührselig angepriesene Freihandel durchaus mit diesen Krisen zu tun hat. Denn in Syrien und der Ukraine geht es um wirtschaftliche Belange, um das Ausbluten ganzer Länder, um diese dann in der Folge von außen lenken zu können, wie es beliebt. Die Eurokrise und die Erderwärmung hängen übrigens ebenfalls mit Freihandel zusammen. Sämtliche Krisen tun das, weil sämtlichen Krisen im wesentlichen wirtschaftliche Interessen zugrunde liegen. Und mit wirtschaftlichen Interessen meine ich nicht, dass ein paar alte Männer sich zusammenhocken und überlegen, wie die Wirtschaft allen dienen kann, sondern zügelloses Geschäftemachen auf Kosten aller, die sich nicht dagegen wehren können.

Fehlen noch die Amerikaner, die Flüchtlinge und die Pershing II-Raketen. TTIP-Gegner haben für Sie ein „kulturelle Hochnäsigkeit gegenüber den USA“, eine Hochnäsigkeit, die sogar bis in die „etablierten Parteien“ wie die Grünen und die Linke vorgedrungen ist. Ja, selbst in Teilen von SPD und CSU wird TTIP abgelehnt, man fasst es kaum. Also wirklich, unerhört, oder?
Alle doof, meinen Sie, und hochnäsig obendrein. Diese Herleitung, Herr Schümer, ist nicht nur gewagt, sie ist kompletter Unsinn. Zum einen kann ich keine Hochnäsigkeit darin erkennen, gegen ein gefährliches Freihandelsabkommen zu sein. Zum anderen sind die TTIP-Kritiker durchaus in der Lage, zwischen Interessen von Politik und Wirtschaft und dem gemeinen Amerikaner zu unterscheiden. Ich neige dazu, Ihnen Hochnäsigkeit gegenüber TTIP-Gegner zu unterstellen.

Zum Schluss machen Sie dann endgültig den Deckel aufs Thema. Sie fragen sich, wie blöd denn die Freihandelsgegner sein können, wenn sie sich gegen den Handel mit Waren aussprechen, gleichzeitig aber nichts gegen den „global offenen Grenzverkehr von Menschen“ haben. Sie merken schon, wie zynisch das ist, oder? Das, was Sie global offenen Grenzverkehr nennen, ist die Folge ungebremsten Handels, zum Beispiel mit Waffen oder importierten Waren, die die Binnenmärkte der betroffenen Länder einstürzen lassen. Menschen, die auf der Flucht sind (klingt natürlich nicht so geschmeidig wie „offener Grenzverkehr“) reisen nicht mir Shorts und Flipflops gutgelaunt durch die Welt und erkunden sie, sie fürchten um ihr Leben, müssen wirtschaftliche Ruinen verlassen, die ihnen Folter und Vergewaltigung statt gutes Auskommen bescheren.

Fehlt eigentlich nur noch der Zusammenhang zwischen TTIP und den Pershing-II-Raketen. Die Proteste gegen diese Kriegswaffen sehen Sie nicht im Zusammenhang mit dem Verschwinden des Kommunismus in der UdSSR. Da liegt die Frage nahe: Wieso auch? Die Demonstrationen gegen US-amerikanische Raketen richteten sich gegen US-amerikanische Raketen, nicht gegen die Sowjetunion. Allerdings war es sehr wohl der im Sinne Milton Friedmans angestrebte freie Handel, der erheblichen Anteil am Sturz der Sowjetunion hatte. Also schon wieder Freihandel, wohin man auch sieht.

Lieber Herr Schümer, lassen Sie doch bitte mal die Chlorhühnchen beiseite, sie sind eine Randerscheinung der Freihandelsabkommen, weiter nichts. In Ihrer herablassende Art bescheinigen Sie den TTIP-Kritikern aber, dass sie sich über Kleinigkeiten aufregen. Das tun sie nicht. Sie machen sich Gedanken, die offenbar Ihren Horizont überschreiten.

Vielleicht schreiben Sie ja noch mal einen Artikel, der einen passenderen Titel trägt, zum Beispiel: „Wer vernünftig ist, hinterfragt TTIP & Co.“ Klingt etwas sperriger, zugegeben. Trifft aber den Kern der Sache deutlich besser.

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Bild: Mehr Demokratie

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21 Kommentare auf "Wenn ein WELT-Journalist sich am Chlorhuhn verschluckt"

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der Doctor
Gast
Nun ja, Springers Welt. Von denen war nichts anderes zu erwarten.Andererseits weisen die Nachdenkseiten Heute zurecht darauf hin, das Getöse um das TTIP-Scheitern eine Nebelkerze ist, um vom Durchwinken von CETA abzulenken,das die Möglichkeit der Investitionsschutz-Klage ebenfalls kennt. TTIP bräuchte es dann nicht mehr. http://www.nachdenkseiten.de/?p=34816#h03 Und von dem Dienstleistungsabkommen TISA, das m.E. in der Öffentlichkeit zu wenig behandelt wird. https://www.campact.de/tisa/ Der Begriff „Globalisiering“ ist wie auch „globaler Welthandel“, eine Propaganda-Floskel, die die „Alternativlosigkeit“ von „Reformen“ a`la Hartz IV oder Agenda 2010 in die Köpfe des Michels zu hämmern.Tatsächlich ist globaler Handel ein ganz alter Hut, den wir in Europa schon… Read more »
Simplicissimus
Gast

D-E-M ist außer http://ttip-demo.de/home/ N-I-C-H-T-S hinzuzufügen!
Da gibt´s alle Infos auch für eventuelle „Zweifler“.

kayauser
Gast

TTIP wird auch in Amiland nicht unbegrenzt befürwortet!
(nur mal so am Rande erwähnt)

rainer
Gast

….BILD und Welt….das Weltbild der Deutschen…..

seyinphyin
Gast

Man findet nur noch Propaganda, die immer absurder wird, aber gleichzeitig sind die meisten Menschen so dermaßen gehirngespült, dass man hier nicht nur auf einen unwissenden Geist trifft, sonder ein Gehirn, dass gar nicht mehr im Stande ist, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.

Und da muss man leider tatsächlich sagen, dass solche Leute nicht mehr zu retten sind. Die Leute sind wie Anstaltinsassesen, die man bereits durch das Rausschneiden von Gehirnregionen ruhiggestellt hat. Jegliche Stimulation läuft da nur noch ins Leere. Die Programmierung ist abgeschlossene und solche Menschmaschinen laufen dann nur noch auf diesen. Alles andere ist nicht mehr verarbeitbar.

Anton Chigurh
Mitglied

Resignation und Gleichgültigkeit, gepaart mit Erkenntisresistenz und der Weigerung, mehr aufzunehmen als die Fußballergebnisse oder Bilder von Kardashians Titten charakterisieren diese riesige Herde von Lemmingen, die im Gleichschritt auf den wohlverdienten Absturz zukrabbeln. Wegweiser dazu sind dann die Pressestricher wie dieser Schümer, der gern an seinen Chlorhühnchen ersticken darf.

Simplicissimus
Gast

„auf den wohlverdienten Absturz zukrabbeln“.
Krabbeln?
Flitzen wie die Wiesel!
😉

wschira
Mitglied

Ich habe mir mal den Artikel in der „Welt“ angesehen und ebenso die Kommentare dazu. Der Artikel ist wirklich unterirdisch, aber die Kommentare sind interessant. Es sind etwa 90% gegen sowohl die beiden Abkommen als auch gegen das Geschmiere dieses Herrn Schümer. Das ist wirklich erstaunlich bei der bekannt restriktiven Zensurpolitik der „Welt“. Die zustimmenden 10% sind allerdings von der Art, dass sich einem die Zehennägel krümmen.

seyinphyin
Gast

Die fehlende Zensur in dem Fall kann man mit gezielten Schüren des „Querfront“gedankens erklären.

Dass Linke gegen den TTIP Irrsinn sind ist klar, aber halt auch so manche Rechte derzeit (nicht die Nadelstreifenrechten, die „Unterschicht“ Rechten).

So entsteht ein perfekter Eintopf oder besser Einlauf, mit dem man dann sein Querfront-Geschrei in die Gedärme der Konsumenten spritzen kann.

john
Gast

transatlantischer propagandist übelster sorte, bedient sich schümer aller sprchlicher und bildlicher tricks, auf die das springerklientel offenbar gern hereinfällt. da passen produkt und konsument offenbar gut zusammen. andererseits mus man sich auch weiter keine gedanken machen, da genu DIESE springerkunden ja sowieso schon längst auf der transatlantischen linie sind und auch mangels intellekt auch bleiben werden.

hermann
Mitglied
Wenn ich das schon lese: ………..hat Hunderten Millionen Armen in der Welt Brot und Arbeit gebracht. Leider hat der Autor die zwei kleinen, aber enorm wichtigen zwei Buchstaben u und m unter den Tisch fallen lassen. In Wirklichkeit haben die Freihandelsabkommen Hunderte Millionen Armen in der Welt UM Brot und Arbeit gebracht. Auch die deutsche Entwicklungshilfe finanziert Förderprogramme, durch die dt. Konzerne in Afrika auf Kosten der Bevölkerung einträgliche Geschäfte machen. Die dann entrechteten, zwangsvertriebenen Bauern können ihre Familien nicht mehr ernähren. Gelingt es ihnen, auf welchem Weg auch immer, in die EU, also den Mitverursacher, zu gelangen, gelten sie… Read more »
hermann
Mitglied

Habe leider den Link vergessen:

ZDFzoom: Hähnchenreste auf Reisen – HQ Doku

Andreas Säger
Gast
Über möglichst lächerliche Zuschreibungen herzuziehen, welche weder mit dem Sachverhalt noch mit dem ausgemachten ideologischen Feind etwas zu tun haben ist eine beliebte rabulistische Masche all der Trumpologen, Brexiter, Identitären und sonstigen Verbal-Rambos. Grüne schreiben Euch vor, was wir zu essen haben. Sozen wollen Euch alles wegnehmen. Sogenannte Verbraucherschützer regen sich über Nichtigkeiten auf. Migranten folgen einer geheimen Agenda. Alle anderen sind interessengeleitet. Gleichzeitig bestimmen ganz andere Mächte als die angesprochenen, was auf den Tisch kommt, wer wieviel Geld für welche Arbeit bekommt und worüber sich aufgeregt wird oder auch nicht. Wenn ich die Schlagzeilen der „Welt“ aus den letzten… Read more »
Am_Rande
Gast

Mal was zum Nachdenken:

Wenn der Autor schreibt:

„Den Gegnern der Freihandelsabkommen geht es um die Furcht vor grenzen- und nahezu gesetzlosem Raubtierkapitalismus (ich bin mir sicher, dieses Wort schmeckt Ihnen überhaupt nicht).“

– wie kriegt er „gesetzeslos“ mit den Verhandlungen über ein mehrhundertseitiges hyper-staatliches Abkommen geistig zusammen?

Wolf
Gast

Ganz einfach.

Aberhunderte der Seiten dieses „staatlichen Abkommens“ (wer hat’s geschrieben?) beschäftigt sich damit geltende Gesetze zu relativieren oder gar in Gänze aus zu hebeln.

Ein Ankommen, das Raub und Betrug legalisiert könnte man doch gesetzlos nennen. Oder nicht?

spargel tarzan
Gast

TTIP, CETA schön und gut und wer spricht über TiSA?
all diese geplanten und von den regierenden (das Kapital und ihre politischen handlanger) gewollten handelsabkommen, die so frei sind, bis der stift nach der unterschrift das papier verlassen hat, da ist die tinte noch lange nicht trocken, bleibten in den nebelschwaden des tages und schaffen es ab und zu die vernebelung zu durchbrechen…

Wolf
Gast

Ui! Da wird Herr Schümer aber ins Grübeln gekommen sein!

Denke dieser Brief war verschwendete Zeit und Kraft. 🙁

jowi
Mitglied

Statt mich im stillen Kämmerlein darüber aufzuregen, habe ich einen offenen Brief an den Autor Dirk Schümer geschrieben.
Jetzt geht es mir zumindest ein bisschen besser.

Teil seiner Therapie!

Vielleicht erkennt er irgendwann, dass die Springer-Presse einen Auftrag hat und der hat mit Sicherheit nichts mit seriösem Journalismus zu tun.
Genauso gut kannst du einen Brief an einen Werbetexter schreiben, in dem du ihn darüber aufklärst, dass die teure Antifalten-Creme deine Frau nicht jünger macht.

Die lachen sich doch eins, in ihren Redaktionen. Alles gekauft.

Markus
Gast

Genau was Jowi schreibt: „3. Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.“.

Ganz einfach: „Wessen Brot ich eß, dessen Lied ich sing.“

Eine Kommunikation mit solchen Leuten ist reine Zeitverschwendung.

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