Je ne suis pas Burka

Wenn man schon was verbieten will, sollte man auch wissen was. Meist meinten die Kommentatoren und ihre Gefällt-mir-Gemeinde gar nicht die Burka. Die gibt es in Deutschland ohnehin so gut wie gar nicht. Sie meinten den Niqab. Wenn ich Raubüberfälle verbieten möchte, kann man sich nicht hinstellen und sagen, dass die Entleihe aufhören muss. Nur bei so emotionalen Themen wie der Verschleierung, bei denen man erst spricht, dann eine lange, lange, wirklich lange Pause macht, bevor man denkt – falls überhaupt! -, kann man einfach mal was sagen und etwas anderes meinen. Mein Vater empfahl stets, dass man im Gespräch mit einem Bauern weniger seinen Worten lauschen sollte, als dem, was er damit gemeint haben könnte. Wahrscheinlich war das eine Haltung aus einem spanischen Sprichwort, ich bin mir da nicht sicher. Insofern muss man aber festhalten: In Deutschland sind viele Bauern unterwegs. Sie haben nur keine Äcker mehr.

Falls jetzt jemand aus diesem ersten Absatz herauslesen möchte, dass ich also für ein etwaiges Verbot bin, es sollte bitte nur richtig formuliert werden: Nein, falsch verstanden, du Bauer! Ich bin mitnichten für ein Burkaverbot. Verbote dieser Sorte sind sinnlos, sie widersprechen auch einem gesunden Liberalismus. Wer außerdem glaubt, man könnte mit einem Verbot von Stoffen, die keinen Halsausschnitt kennen, die Sicherheit der Bürger garantieren, der hat keinen blassen Schimmer davon, wie man schützt oder der will einfach nur die Sicherheitsdebatte billig halten. Denn solange wir über Kleidung sprechen, reden wir nicht über die mangelnde Finanzierung der Polizei, die sich in Stellenabbau und Personalmangel ausdrückt. Und wie schon oben gesagt, wo sind denn die Burkaträgerinnen in diesem Lande? Es sollte doch eine Zielgruppe geben, der man mit einem Verbot Einhalt gebietet, sonst hat es ja nicht mal Relevanz. Wenn sie demnächst jedoch Burkas bei C&A verkaufen und sie den jungen Mädels als neuesten Chic feilbieten, dann sollten wir uns vielleicht nochmal sprechen.

Doch eines will ich schon noch erwähnt haben: Einverstanden bin ich nicht mit der Burka. Selbst mit dem Niqab habe ich Probleme. Alles drunter macht mir nichts. Wenn ich mit jemanden von Angesicht zu Angesicht rede und ich sehe nichts oder eben nur die Augen, dann fühlt sich das für mich kalt und abweisend an – und ja es fühlt sich auch falsch an. Letztlich bin ich eben auch nur westlich sozialisiert, ich kann da nichts dafür. Zuletzt bin ich einer Frau im Niqab beruflich begegnet, das Zusammentreffen war also unausweichlich. Die Frau sprach besser Deutsch als ich – jedenfalls hatte sie keinen süddeutschen Einschlag, der alles versaut. Wahrscheinlich war sie sogar freundlich, aber der stoffgedämpfte Ton ihrer Stimme, die Augen, die sie hinter einer Sonnenbrille verbarg, die fehlende Mimik, die ihre behandschuhten Gesten nicht zu ersetzten vermochten: Nein, das war kein Zustand. Ich empfand es auch als Herabsetzung meiner Person – ob es sie herabsetzt, das muss sie entscheiden. So brachten wir das kurze Aufeinandertreffen hinter uns. Es fühlte sich nicht richtig an. Entspricht nicht den Standards, nach denen ich in dieser Gesellschaft erzogen wurde.

Was man alles im Zuge der Debatte zum Burkaverbot lesen musste, grenzte an Nötigung des Verstandes. Und ich meine damit ausdrücklich nicht nur diejenigen, die vor Wut schäumten und ihren inneren Reichsparteitag zum inneren totalen Krieg transformierten. Nein, auch die anderen, die wieder mal meinten, sie müssten ein Zeichen gegen diese zornigen weißen Leute setzen. Sie spielten es runter, die Burka sei halt auch nur ein Kleidungsstück, man müsse das nicht so eng sehen. Meine Güte, habt euch nicht so, wenn demnächst einer mit einer SA-Uniform vor euch in der Kasse steht. Der trägt doch auch nur ein Kleidungsstück. Achso, hierzulande muss man ja gleich immer dazusagen, dass ich damit nicht zum Ausdruck bringen wollte, dass die Burka faschistisch ist. Aus Solidarität werde ich aber keine tragen oder mein Profilbild hinter eine Burka pflanzen oder was auch immer. Je ne suis pas Burka! Wieso kann man sich heute denn nicht einfach ganz normal hinstellen und zugeben, dass man da eher ambivalent ist? Verdammt, warum ist die Ambivalenz so sehr aus der Mode? Immer heißt es Partei eingreifen, dafür oder dagegen sein. Wieso ist man nicht einfach mal gar nichts?

Ich bin gegen das Verbot der Burka. Aber ich bin gegen die Burka. Da erlaube ich mir Ambivalenz. Sollte man gemeinhin öfter wagen, nichts ist so eindeutig, als dass es sich lohnte, sich voll und ganz auf eine Seite zu stellen. Nun gut, fast nichts. Moralischer gesprochen: Ich muss die Burka ertragen. Aber ich finde, dass die Freunde des blickdichten Stoffes es auch ertragen müssen, dass es Leute gibt, die es gerne transparenter mögen. Und tatsächlich, jetzt merke ich es erst, ich habe in den letzten Sätzen auch wieder nur von der Burka gesprochen und doch auch den Niqab gemeint. Manchmal bin ich auch nur ein Bauer.

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