Handlungsfähig bleiben

Ein Appell, sich unbequemer Themen zu widmen, um nicht archiviert zu werden.

Wir haben uns in letzter Zeit oft darüber unterhalten, ob man als Linker nicht auch die Ängste jener Menschen wahrnehmen muss, die in eben dieser Angst dazu neigen, rechten Reflexen zu erliegen. Oder um das hier anders einzuleiten: Darf man, wie Frau Wagenknecht vor einigen Wochen, vor den falschen Entwicklungen im Bezug auf »Wir schaffen das!« hinweisen, auf die Gefahr hin, dem linken Lebensgefühl unbequeme Ansichten zu vermitteln? Oder ist Weggucken und unterlassene Kritik als linkes Biedermeier angesagt? Wie halten wir es denn beispielsweise links mit Kinderehen, die ins Land kommen? Das Argument, es seien ja nur 1.000 Mädchen betroffen, das lasse ich nicht gelten. 1.000 Mädchen sind 1.000 Fälle für das Jugendamt nach in Deutschland gängiger Rechtsauffassung. Das kann man doch nicht, nur weil man nicht mit einem Rechten verwechselt werden will, einfach so verschweigen.

Zunächst muss man dieses Phänomen adäquat erfassen. Das heißt, die Situation begreifen, in der sich Eheleute dieser Art befinden, was wiederum bedeutet, wir müssen annehmen, dass der Erwachsene aus dieser Konstellation aus einem Kulturkreis stammt, in dem diese Lebensweise als normal angesehen wird. Nicht etwa deswegen, weil man da einen Hang zur Penetration von Mädchen entwickelt hätte, sondern weil es (kultur- bzw. sozial-)geschichtlich bedingt notwendig wurde, junge Mädchen a) der Fürsorge eines Ernährers zu überstellen und b) mit dem Nachwuchs (im Hinblick auf die teils niedrige Lebenserwartung in ruralen Gebieten der muslimischen Welt) relativ früh anzufangen. Das heißt aber wiederum auch nicht, dass es regulär so wäre, dass da ein 35-Jähriger mit einer Elfjährigen Beischlaf übt. Das ist nicht der Regelfall. Das Arrangement einer solchen Ehe wird oft zunächst als eine Form der Gattinnenreservierung ausgeübt. Dort, wo diese Menschen herkommen, hat sich dieses Modell nicht aus niederen Beweggründen durchgesetzt oder weil der Islam etwa ein anderer Begriff für Pädophilie wäre, sondern weil die Gegebenheiten eine solche Ausformung notwendig machten.

Die Ehe zu minderjährigen Partnern findet man ja auch in afrikanischen Ländern. Dort auch unter Mitgliedern christlicher Kirchen. Ebenfalls ist dort die Polygamie verbreitet – in Nigeria sind zum Beispiel auch christliche Männer mit mehreren Frauen verehelicht. Es ist also mitnichten ein islamischer Kontext, in dem dergleichen stattfindet. Es ist ein sozialer. Die Alphabetisierungsrate spielt eine gewichtige Rolle, genauso wie die klimatischen Verhältnisse oder die Infrastruktur. Auf einen Nenner gebracht: Es sind Symptome der Verteilungs- und Versorgungsfrage.

Nähert man sich von links der Problematik, die eine solche Ehe im europäischen Raum mit sich bringt, muss man diese Betrachtungsweisen heranziehen und diese Angelegenheit gewissermaßen phänomenologisch nachvollziehen können. Synchron dazu muss man aber festhalten: In unseren Gefilden sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, wir haben uns anders entwickelt und andere Standards angenommen. Wir sind keine rurale Gesellschaft, die an Mangel leidet und daher solche Praktiken benötigt. Das Konzept der Kindheit ist hierzulande zudem etwas völlig anderes als das, das man in jenen Gegenden pflegt, in dem solche Eheverhältnisse zuweilen entstehen. Wenn man denn dort, in der Kargheit solcher armen Weltgegenden überhaupt von Kindheit sprechen kann. Dass wir diese Standards aus Rücksicht auf die Herkunft zeitweise oder im Einzelfall aufgeben, wäre gesetzlich weder zulässig, noch im Sinne unserer westlichen Moralvorstellung akzeptabel.

Das so auszusprechen muss erlaubt sein. Nein, hier haben Männer keinen Anspruch auf eheliche Verbundenheit zu Kindern. Und ja, der Staat muss auch in diesem Sinne wehrhaft sein und dort versuchen, Lösungen herbeizuführen, die im Sinne des Kindeswohles sind. Denn auch minderjährige Ehefrauen haben hierzulande keine Pflicht an einem etwaigen Gatten, sondern einen Anspruch auf das Kindeswohl. Wie man das handhabt, so ehrlich muss man dann auch sein, ist eine komplexe Frage, die man vielleicht nicht befriedigend beantworten kann. Stellen wir uns doch mal als Fall vor, da kommt ein 35-Jähriger mit seiner elfjährigen Frau nach Deutschland. Nur diese beiden, sonst niemand, vereinfachen wir mal, um das Dilemma zu erfassen. Entreißt man das Mädchen den einzigen Menschen, den es hier kennt? Wie besänftigt man das böse Blut eines Mannes, der es ja anders nicht weiß als so und der es als Ungerechtigkeit empfinden muss, dass man ihm seine Frau raubt? Wie will man ferner überprüfen, in welchem Verhältnis diese Menschen zueinanderstehen? Selbst wenn sie ehrlich damit umgehen, mangelt es doch an Dolmetschern, um es den Behörden zu übersetzen.

Moralisch einwandfrei kommt man jedenfalls aus dieser Sache nie und nimmer heraus. Es wird Zeit, dass man das links des Mainstreams zu erkennen beginnt. Die moralische Keule ist eine theoretische Machete, nur sehr begrenzt einsetzbar im Praktischen. In Extremsituation – und das beschriebene Dilemma scheint eine solche zu sein – ist die Moral ohnehin kaum einzuhalten. Soll man daher eine linke Einschätzung der Realität unterlassen, wie das bei manchen dort draußen üblich ist? Einfach wegschauen und so tun, als gäbe es zum Beispiel keine Kinderehen?

»Es sind keine Ehemänner, sondern oft Kinderschänder, die bestraft werden müssen.« Dieser Satz stammt vom Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft. Das hier Gesagte ist das glatte Gegenteil von linken Überlegungen zur Sache. Da will einer gar nichts nachvollziehen – er will verurteilen. Mit diesem Satz wird doch der Unterschied zwischen linker und rechter Argumentation deutlich. Wie konnte man da Wagenknecht in den letzten Monaten immer wieder mit von Storch gleichsetzen? Klar, beide thematisierten oft dieselben Probleme, denen wir ausgesetzt sind. Aber beide taten das doch auf völlig differente Art und Weise. Sie taten es aus anderen Motiven heraus, kamen mit anderen Vorschlägen heran, hatten andere Herangehensweisen an die Problematik. Oder will jetzt jemand ernstlich behaupten, dass dieser Text hier denselben Geist in sich trägt, wie dieser Satz des Polizeigewerkschafters?

Falls ja, dann hat die Linke echt ein massives Problem. Wir müssen doch die Probleme ansprechen. Wegducken geht nicht (mehr). Das heißt nicht, dass wir jetzt in den Abgesang einstimmen und so tun müssen, als sei eine multikulturelle Gesellschaft nicht machbar. Doch, das ist sie nach wie vor. Aber wir müssen uns doch darüber einig sein, was unter dem Dach einer solchen Gesellschaft akzeptabel ist und was nicht. Jede Gesellschaft braucht Konturen, jede Gesellschaft muss sich definieren. Und Konturen muss man einzeichnen. Wer das nicht tut, der hat keine Vorschläge zu unterbreiten, setzt sich einfach der Strömung aus und wartet ab, wohin er getrieben wird. Kurz und gut: Das ist fahrlässig.

Leider tun das viel zu viele Linke, ob in Partei oder nicht, viel zu oft immer noch. Sie übergeben den Rechten damit die Deutungshoheit und gefährden fahrlässig einen progressiven Fortlauf der Dinge. Sie werden handlungsunfähig. Noch handlungsunfähiger, wie sie es ohnehin in den letzten TINA-Jahren schon waren. Sie ersteinern zum Relikt aus Tagen, da man sich einredete, es gäbe noch Alternativen. Sie sortieren sich selbst aus, archivieren sich. Das kann sich die Gesellschaft nicht leisten. Wir brauchen linke Alternativen zum rechten Zeitgeist. Aber die klappen nur, wenn sie realistisch auftreten und nicht gleich eingeschnappt sind, wenn mal jemand aus dem eigenen Lager etwas sagt, was auf den ersten Blick nicht gut bekömmlich scheint.

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