Behaupten, behaupten, einfach nur behaupten

Neulich hat jemand die »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« (INSM) auf Facebook besucht und denen gesteckt, dass sie enttarnt seien. Die »NachDenkSeiten« hätten nämlich schon lange ausgerechnet, dass diese Initiative höchst unseriös sei. Wahrscheinlich weil sie mit falschen Berechnungen versuche, die Politik und die Medien zu beeinflussen. Nur einige Stunden später eine Stellungnahme seitens der INSM in Kommentarform: »Die NachDenkSeiten sind höchst unseriös.« Punkt. Das ist mal ein Argument. Handfest. Inhaltsvoll. Es ist hingegen keines, das irgendwie überrascht. Denn genau so ist das Muster, das diese Herrschaften immer schon angewandt haben. Insofern ist dieser unbedeutende Vorfall nicht weniger als eine Darstellung der eigenen gängigen Praxis in nuce.

Die »Argumentationen« der INSM beruhten immer nur auf Behauptungen. Auf unbegründete Aussagen, die man gefälligst hinzunehmen habe. Man setzte ein Gerücht in die Welt und wiederholte, wiederholte, wiederholte es. Argumentationslinien lieferte man eher nicht. Bestenfalls unzureichend. Man musste ja nichts mehr begründen, argumentativ darlegen. Durch die Wiederholung war die Lüge ja längst zur Wahrheit geworden, die die Gesellschaft auf allen Ebenen beeinflusste. Ob nun Renten- oder Demographiedebatte, die steilen Thesen dieser Denkfabrik waren dem Land in Fleisch und Blut übergegangen. Man musste da gar nichts mehr erklären, denn dass die Rente nicht sicher sei und die Deutschen aussterben würden, das wusste man bereits so sicher, wie dass ein Bleistift Richtung Boden fällt, wenn man einfach die Finger, zwischen denen er klemmte, auseinanderspreizt. Nach oben fällt er nicht. Diese Empirie aus Gewohnheit, so philosophierte Hume schon zu seiner Zeit, verfestige sich zu Gewissheit und erlaube uns Routine.

Die INSM hat die Empirie durch ihre Medienpräsenz ersetzt und die stetige Wiederholung als Ersatz geschaffen. Aus der Dauerschleife der Behauptungen schuf man Gewohnheit. So gewöhnte man die Menschen an Behauptungen ohne noch viel begründen zu müssen. Naturgesetze begründet man ja auch kaum. Man weiß, dass die Sonne wieder aufgeht und in dieser Gewissheit legt man sich zu Bett. Dieses bildliche Darstellung ist übrigens aus dem Repertoire Humes entnommen. Und zu so einer Routine, zu einem naturgesetzlich festgeschriebenen Wissen, verankerte die Denkfabrik allerlei Behauptungen ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sie mit Argumenten und Erklärungen auszustatten. Die Leute hatten die Thesen schließlich nicht zu verstehen, sie hatten sie zu glauben.

Fester Glaube, das ist so ziemlich die Grundvoraussetzung, die man den Damen und Herren jener Initiative entgegenbringen muss, um sich auf sie einzulassen. Und in diesem kleinen Satz, mit dem man den »NachDenkSeiten« die Reputation klauen wollte, hat man diese Einstellung voll und ganz formuliert. So arbeitet die INSM. Sie ist eine Behauptungsmaschine, eine Apparatur der Arbeitgeber, einfach mal etwas ins Land hinauszuposaunen. Und wenn jemand sagt, dass diese Praxis jetzt enttarnt sei, dann hauen sie eben die nächste Sprechblase raus. Fakten, Fakten, Fakten? Nee, behaupten, behaupten, einfach nur behaupten! Und wenn der Leser nachfragt? Dann nochmals behaupten, b-e-h-a-u-p-t-e-n. Noch lauter. Noch dreister. Das beste Argument ist noch immer Lautstärke und viele Journalisten, die nachplappern.

Daher erfahren wir nicht, weshalb genau die »NachDenkSeiten« unseriös sind. Fragte man nach, sagten sie dasselbe einfach wieder. Nur noch lauter. Und daneben würde ein FAZ-Journalist stehen und es bestätigen. So argumentiert man in der Mediengesellschaft heute. So treibt man die Politik voran. Wer einfach nur behauptet, der behauptet – sich.

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