Medikamententests an Menschen oder: Alles zum Wohle der Pharmalobby

dependent-63611_960_720Bevor Medikamententests an Menschen durchgeführt werden dürfen, gilt es, eine Hürde zu überwinden. Und wenn man ehrlich ist, ist die schon ziemlich brisant, zumindest wenn es um nicht „einwilligungsfähige Erwachsene“ geht.

Gemeint sind also beispielsweise Demenzkranke oder Menschen mit geistigen Behinderung. An denen dürfen solche Tests nur vorgenommen werden, wenn eine Patientenverfügung vorliegt und die gesetzliche Betreuung den Versuchen zustimmt. Zudem muss ein persönlichen Nutzen für die Betroffenen absehbar sein. Gesundheitsminister Hermann Gröhe will diese Praxis, geregelt im Arzneimittelgesetz (AMG), nun noch weiter aufweichen. In der Konsequenz sind künftig Versuche an Menschen ohne Einwilligungsfähigkeit erlaubt. Selbst wenn es ihnen keinen Nutzen bringt.

Alles für die Gruppe

Was Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe am 9. März 2016 auf der Website seines Ministeriums publizieren ließ, war damals schwammig. Und so wird es auch bleiben: „Hochwertige klinische Prüfungen sind eine Voraussetzung für einen schnellen und sicheren Zugang zu neuen Arzneimitteln. Dabei müssen die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger und ein reibungsloses Genehmigungsverfahren Hand in Hand gehen.
Das ist so hohl, wie es klingt.

Natürlich sagt Gröhe mit diesem Satz nichts aus, aber auch rein gar nichts. Also kann man auch nichts dagegen haben. Wenn jemand sagt, die Freiheit müsse verteidigt werden, kann damit ja auch alles mögliche gemeint sein. Im Falle Gröhe legt der jetzt aber nach. Und da wird es dann doch konkret.
Denn galt bislang ein zu erwartbarer persönlicher Nutzen für die Probanden als Voraussetzung für die grundsätzliche Erlaubnis von Medikamententests, sollen nun „gruppennützige“ Vorteile ausreichen. Mit anderen Worten: Könnte es der Allgemeinheit (wer oder was die auch immer im konkreten Fall sein mag) etwas bringen, dürfen Tests auch an Demenzkranken oder geistig behinderten Menschen durchgeführt werden. Die eingangs erwähnte Brisanz bekommt dadurch eine neue Dimension.

Ich regel das für Dich …

Nehmen wir einmal an, ein heute Demenzkranker hat schon vor Jahren eine Patientenverfügung verfasst, in der er ausdrücklich darauf hinweist, dass er mit Medikamententests einverstanden ist. Und nehmen wir weiter an, heute ist es so weit. Der Demenzkranke soll ein Medikament testen bzw. als Testperson für dieses herhalten. Der gesetzliche Betreuer – so es ihn denn überhaupt gibt – muss ebenfalls einverstanden mit den Tests sein. Und der persönliche (mögliche) Nutzen für den Demenzkranken muss zumindest in Aussicht stehen.
Schon diese Praxis birgt die Gefahr des Missbrauchs bzw. falscher Entscheidungen, die zum Beispiel auf die Bedürfnisse des Betreuers zugeschnitten sind. Außerdem mag der Patient seine Verfügung zwar vor ein paar Jahren unterschrieben haben, doch welches Medikament mit welchen möglichen Nebenwirkungen an ihm getestet wird, das kann er längst nicht mehr beurteilen, Demenz hin oder her.

Der neuen von Gröhe angestrebten Regelung nach muss der persönliche Nutzen des Patienten nicht mehr sichergestellt sein. Es reicht, wenn es Nutzen für die Allgemeinheit bringt, um Medikamententests an Menschen durchzuführen, die nicht einwilligungsfähig sind. Inwieweit hier „die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger und ein reibungsloses Genehmigungsverfahren Hand in Hand gehen“, steht in den Sternen. Oder anders ausgedrückt: Zuerst kommt das reibungslose Genehmigungsverfahren, über alles andere kann man dann sprechen. Dass dieses Vorgehen Tor und Tür für Missbrauch öffnet, ist jedem klar, der das kleine Einmaleins beherrscht.

Wie praktisch ist das denn?!

Stellen wir uns jetzt einen Chefsessel vor, den eines Pharmaunternehmens. In ihm klebt der Chef höchstpersönlich und reibt sich die Hände. Denn wenn Gröhes Pläne durchkommen, spielt auch die Ethikkommission künftig nur noch eine Nebenrolle. Die unabhängige Kommission war bisher maßgeblich daran beteiligt, zu beurteilen, was gemacht werden darf und was nicht.
Bundesweit waren bislang rund 50 Kommission dafür zuständig, Medikamententests zu erlauben. Oder eben nicht durchzuwinken. Das dürfte vorbei sein, wenn Gröhe durchkommt. Denn dann sind die Stellungnahmen der Ethikkommissionen nur noch „maßgeblich zu berücksichtigen“. Mit anderen Worten: Die Kommissionen dürfen zwar sagen, was sie denken, es ist jedoch bedeutungslos. Und unser Konzernchef sitzt in seinem Sessel und denkt sich: „Wie praktisch ist das denn?!

Erst der Anfang

Es sind die Schutzbedürftigen, denen es an den Kragen geht. Diejenigen, die sich selbst nicht (mehr) wehren können, die keine Lobby haben und – machen wir uns nichts vor – nicht in die moderne Leistungsgesellschaft passen. Wenn man bedenkt, dass schon heute gesetzliche Betreuer Entscheidungen treffen können, zu denen sich der Betroffene nicht (mehr) äußern kann, dann ist das sowieso schon problematisch.
Doch immerhin galt für Medikamententests bisher ein gewisser Basisschutz, der auf dem individuellen Vorteil der Betroffenen fußte.
Wird dieser Schutz ausgehebelt, steht Missbrauch in großem Stil nichts mehr im Wege, es kann der Anfang von ausufernden Versuchen an Menschen sein, die nichts dagegen unternehmen können. Und selbst wenn dann die Ethikkommissionen Einspruch erheben, können Pharmalobby und Gröhe sich entspannt zurücklehnen und entgegnen: „Danke, wir nehmen das zur Kenntnis.

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Bild: geralt

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ChrisA
Mitglied

@Joerg Wellbrock

Bezieht sich dieses hier

Wenn man bedenkt, dass schon heute gesetzliche Betreuer Entscheidungen treffen können, zu denen sich der Betroffene nicht (mehr) äußern kann, dann ist das sowieso schon problematisch.

auf die spezielle Problematik, die im Artikel behandelt wird, oder ist das generell zu verstehen?

Wäre es generell, würde ich sofort nach einer weniger problematischen Alternative fragen wollen. Dementen Menschen, die alleine nicht mehr überlebensfähig sind, nimmt man auch Entscheidungen ab, damit sie sich nicht selbst oder andere schädigen. Hier fände ich das Unterlassen von Entscheidungen eines Betreuers über den dementen Menschen als noch problematischer.

Yarsin
Mitglied

Ich hatte für 9 Monate einen Hauptberuflichen Betreuer. Dass der Schaden von mir abgewendet hat ist nicht zu ersehen. Er kassierte nur seine Betreuervergütung, alles andere ging dem am Popo vorbei.
Zum Glück ging es mir dann besser und ich konnte mich wehren. Bei Dementkranken wird das wohl nie der Fall sein.

Diese Regelung erinnert mich da an eine gewisse Zeit, wo hier in der Gegend schon mal an Behinderten Versuche durchgeführt wurden. Muss sich das denn wiederholen?

Klaus Baum
Gast

Ist der Begriff MENSCHENMATERIAL schon gefallen?

R_Winter
Mitglied

Der neuen von Gröhe angestrebten Regelung nach muss der persönliche Nutzen des Patienten nicht mehr sichergestellt sein. Es reicht, wenn es Nutzen für die Allgemeinheit bringt, um Medikamententests an Menschen durchzuführen, die nicht einwilligungsfähig sind.

„Nutzen für die Allgemeinheit“ …….diese Worte stimmen mich nachdenklich.
Wer bestimmt den „Nutzen“?
– Im Dritten Reich wurde der „Nutzen“ mit „lebenswerten Leben und ähnlichem“ umschrieben.
– Im Neoliberalismus ist der „Nutzen“ der zu erzielende Profit.
Die Unterschiede für den Bürger sind m.M.n. sehr gering.
Oder verstehe ich es nicht richtig?
Ist diese Definition nur ein vorauseilender Gehorsam, um die Interessen der Konzerne in den Handelsabkommen zu sichern?

Yarsin
Mitglied

Im Zusammenhang mit den Handelsabkommen könnten wir so zur Versuchsstation der „Weltpolizei“ werden.

Resident Evel lässt grüssen.

kreuzrotter
Mitglied

Das Ganze geht auch ohne Erwachsene:

Pharmamafia Kinder als Versuchskaninchen

Eine BBC-Dokumentation aus dem Jahr 2005(2004?), lief im gleichen Jahr spät Abends in der ARD.

trackback

[…] Quelle: Medikamententests an Menschen oder: Alles zum Wohle der Pharmalobby » Spiegelfechter […]

Simplicissimus
Gast

Anscheinend vergessen wurden bisher die Tests mit (scheinbarer) Einwilligung der Betroffenen/Patienten, zu welchen imho. bereits die zuzahlungsfreien Packungen aus dem „Privatschränkchen“ des „Arztes des Vertrauens“ gehören und für welche der Doc an einer komplett nutzlosen „Pharmastudie“ teilnimmt, welche natürlich entsprechend honoriert wird.
…nicht zu sprechen von den Tests mit schriftlicher Einwilligung der Probanden…

Torsten
Gast
Das ist doch echt nur die Spitze des Eisberges. In psychiatrischen Kliniken werden Menschen regelmäßig für Medikamentenstudien mißbraucht, das läuft ganz einfach so, dass ein Mensch, wenn vom Gericht als eigen und fremdgefährdent eingestuft wird und keinen echten um sein Wohl besorgten Angehörigen oder etreuer hat, jeweils einem vom Gericht bestellten Rechtsanwalt als Vormund bekommt. Diese Rechtsanwälte (Betreuer) sind ja nur für die rechtlichen Dinge zuständig und so wird vom behandelnden Arzt das Einverständnis zur Medikamenten Um- und Einstellung einem Anwalt vorgetragen, welcher keinen blassen Schimmer von Medikamenten und Medizin hat. Der genehmigt dann die Medikamentengabe im scheinbaren Interesse des… Read more »
Yarsin
Mitglied
Hallo Torsten, ich glaube dir, dass du das alles so erlebt hast. Aber als Betroffener muss ich dir sagen, dass nach meiner Erfahrung Medikamentenumstellungen dann gemacht werden, wenn eine Unverträglichkeit oder eine unzureichende Wirkung durch das Medikament erzielt wird. Speziel im psychischen Bereich gibt es noch keine Tests, welche Transmitterstoffe betroffen sind und ob es einen Mangel der Botenstoffe oder eine zu schnelle wieder Aufname der Botenstoffe vorliegt. Des weiteren gehen sie nicht weiter auf die diagnostizierte Erkrankung ein. Auch ich wurde immer wieder gefragt, ob ich suizidale Gedanken habe. Es wurde damals in der Klinik auch versucht mich über… Read more »
EarthChild
Mitglied
Gesundheitsminister Grohe sollte sich ja dann wohl sofort freiwillig als Probant bei der Pharmaindustrie anmelden, vorzugsweise Genmanipulierte Nahrung mit Unmengen Glyphosat besprüht und dazu reines Frackingwasser als Trank. Dann warten wir alle mal eine Zeitlang ab, ob er Krebs kriegt, ist ja schließlich für die „Gruppe“. da kann er doch sicher mal 5 gerade sein lassen! Vielleicht sollten wir das allen diesen Politikern( die für Fracking, Glyphosat und Genmanipulierten Dreck sind) vorschlagen, möglichst auch vor allem die, die ungewählter Weise meinen, sie könnten über unser aller Schicksal bestimmen! Also langsam wird es wirklich Zeit diese ganze ******, in Asse einzumauern,… Read more »
Yarsin
Mitglied

Ich glaube nicht, dass das das Problem mit der Asse löst.
Die warten nur ab, bis es nicht mehr möglich ist etwas zu bergen. Damit wollen sie verbergen, was tatsächlich alles dort eingelagert worden ist.

Wer hat das erfunden (verbockt)? => das Merkel

GrooveX
Mitglied

die hat nur umgesetzt, was ihr hirnvergessener chef angeordnet hatte.

Yarsin
Mitglied

Mag vielleicht sein, aber dafür hat der Mensch ein Gewissen bekommen und als Pfarrerstochter sollte sie was von Ethik mitbekommen haben.

NaA
Gast

Ich denke, das stimmt; bei lUCKSu.CoBS wurden die AktenOrdner damals extra nicht Asse genannt, …damit keiner fragt, warum denn die Betonmischer etc. gleich Unten mit eingemauert wurden.

Yarsin
Mitglied

Hier noch was zu deinem Thema.

http://www.nachdenkseiten.de/?p=33366

Martin MITCHELL
Gast
. Vielleicht ist ja auch dies für all diejenigen die diese Webseite besuchen von Interesse. Medikamententests an Heimkindern in WESTDEUTSCHLAND. ANFANG DES ZITATS DES RELEVANTEN MEINERSEITIGEN BEITRAGS. Dieser Thread »Medikamententests an Heimkindern in WESTDEUTSCHLAND« @ http://www.ehemalige-heimkinder-tatsachen.com/viewtopic.php?f=30&t=151&hilit=Medikamententests (Siehe einleitenden Beitrag oben) wurde von mir aus gutem Grund hier im EHEMALIGE-HEIMKINDER-TATSACHEN.COM-Forum schon am Mittwoch, 3. Februar 2016, um 08:43 Uhr (MEZ/CET) eröffnet. Wer selbst persönliches Wissen was dieses Thema betrifft hat, sollte dies unbedingt kund tun. Jetzt schon mal erscheint diesbezüglich folgende Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Sozial.Geschichte Online 19 (2016) S. 61–113 ANFANG EINES AUSZUGS AUS DIESER STUDIE. Ein unterdrücktes und verdrängtes… Read more »
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